Donald Trump ist alles, was man ihm nachsagt: ein Rüpel ohne Sitte und Anstand, ein Machtmensch, dem Begriffe wie Ehre, Wahrheit und Moral ein Gräuel sind. Und doch gerät die abgeschmetterte Amtsanklage zum Moralstück der besonderen Art. Es handelt nicht von Erbauung, sondern von Erkenntnis, nämlich über das Wesen aller Politik.

Hier wollen wir nicht Max Webers "langsames Bohren von harten Brettern" aus dem Leitartiklerfundus auffahren, sondern Altmeister Helmut Kohl zitieren, der länger regiert hat als jeder andere Kanzler: "Politik braucht Gespür für das Machbare", lautet sein knappes Credo. Dieses Gebot hat Amerikas Demokratische Partei ignoriert. Nancy Pelosi, die Chefin (Speaker) des Unterhauses, hatte es sehr wohl verinnerlicht und monatelang das Impeachment-Verfahren abgeblockt.

Seit 1987 in der Politik, spürte sie, dass die Amtsenthebung im Senat scheitern würde, wo die Republikaner die Mehrheit haben. Doch ließ sich von der Welle der Wut im eigenen Lager davontragen. Nach der Trump-Rede zur Lage der Union zerriss sie demonstrativ den gedruckten Text. Die Geste sollte Verachtung bekunden. Tatsächlich spiegelte sie Frust und Ohnmacht angesichts eines unsäglichen Fehlkalküls wider, einer Todsünde der realen Politik. Trump bleibt im Weißen Haus.

Trump darf sich als Sieger feiern

Schlimmer: Er steht heute besser da als je zuvor. Die Parteistrategen ahnten zwar, dass ein Schuldspruch keine Chance hätte. Aber sie setzten auf einen endlosen Prozess, der den Präsidenten auf kleiner Flamme gar kochen würde, bis tief in dieses Wahljahr hinein. Selbst wenn die Beweislast nicht ausreichen sollte, würde der stete Säuretropfen tagein, tagaus dafür sorgen, dass Trump im November die Wahl verlieren würde. Schuldspruch oder nicht, ab mit ihm ins Exil.

Die Trump-Ankläger hatten freilich die Rechnung ohne den Wirt, das Wahlvolk, gemacht. Es ist unglaublich, aber wahr: Der Mann darf sich als Sieger feiern, wie die Umfragen bezeugen. Als die Hearings im Herbst im Unterhaus begannen, schien Trump schon zu wackeln. Seine Ratings lagen bei 39 Prozent, nur knapp über seinem Allzeittief. Vergangene Woche hatte er zehn Punkte zugelegt – auf 49 Prozent, seine allerhöchste Zustimmungsquote seit Amtsantritt.

Noch bizarrer: Damals wünschte sich über die Hälfte den Rausschmiss, nunmehr sind genauso viele dagegen. Als die Demokraten 2018 das Unterhaus zurückeroberten, optierten nur 41 Prozent für eine zweite Trump-Amtszeit. Jetzt wollen 52 Prozent ihm eine solche gewähren.

Von Merkel stammt der Spruch der "asymmetrischen Demobilisierung". Auf Deutsch: Agiere so, dass die eigene Truppe hoch motiviert bleibt und der Gegner am Wahltag zu Hause bleibt. 2020 gilt umgekehrt: Die Demokraten kommen nicht in die Gänge – siehe die relativ niedrige Vorwahlbeteiligung in Iowa –, derweil die Republikaner – 94 Prozent – sich hinter Trump zusammengerottet haben. Finanziell war das Impeachment geradezu ein Segen. Während des Prozesses kassierte Trump 46 Millionen Dollar an Wahlkampfgeldern.