Kein Zweifel, Friedrich Merz genießt die Aufmerksamkeit. Huldvoll lächelnd steht er an einer Balustrade im ersten Stock einer herrschaftlichen Villa. Neben ihm Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der seinerseits stolz nach unten schaut. 

Unten im Foyer, da stehen zahlreiche Journalisten und die versammelten Honoratioren von Magdeburg, Unternehmer und Verbandsvertreter. Das Publikum schaut hinauf, wie sich Merz und Haseloff leise unterhalten. Über den beiden hängen prächtige Leuchter, an den Wänden große, goldgerahmte Gemälde, selbst auf der Toilette strahlt ein Kronleuchter. Es herrscht eine andächtige Stille. Dafür, dass hier die Zukunft der Demokratie Thema sein soll, geht es in den ersten Minuten ganz schön feudal zu.  

An diesem Dienstagabend trifft sich der CDU-nahe Wirtschaftsrat in Sachsen-Anhalt. Normalerweise wäre das ein Termin ohne großen Andrang gewesen. Aber heute ist Tag eins nach dem Rückzug von Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU-Spitze. Und der hiesige Stargast ist eben Friedrich Merz, der in ersten Umfragen nach dem Rücktritt als Favorit auf die Nachfolge gilt.  

Merz, dem vieles nachgesagt wird, aber nicht übermäßig große Bescheidenheit, gibt sich zur Begrüßung kokett. Er freue sich, dass der Wirtschaftsrat ein derart "hohes Medieninteresse auslöst", sagt er, natürlich wissend, dass das große Interesse nur ihm gilt. Der Termin war schon seit Langem vereinbart. Nun ist es sein erster öffentlicher Auftritt seit der Chefposten der Union wieder zu haben ist.   

Die Konstellation ist also neu, der Sound, den Merz anschlägt, gleichwohl ein vertrauter. Merz, der seit einiger Zeit Vizepräsident des Wirtschaftsrates ist, hat hier ein Heimspiel. Habituell sowieso: Merz ist seit jeher der Liebling des Wirtschaftsflügels der Union. Er weiß, wie er dem überwiegend männlichen, gediegenen Publikum einheizen kann. Routiniert und durchaus unterhaltsam spricht er über Standortnachteile in Deutschland, über nötige Investitionen, drückende Abgaben und widersinnige Bürokratie. Obwohl es keine klassische Parteiveranstaltung ist, unterbrechen ihn die rund 100 Gäste regelmäßig mit Klatschsalven. Nicken und empörtes Kopfschütteln gibt es an den davor vorgesehenen Stellen.  

Merz, der Sauerländer, den viele als Inbegriff der alten, westdeutschen CDU sehen, hat seine größte Anhängerschaft hier im Osten Deutschlands. Schon vor anderthalb Jahren, als er sich vergeblich um den Parteivorsitz bewarb, kamen die treusten Unterstützer aus den neuen Bundesländern. Gerade hier, wo die AfD früh erstarkte, sehnten sich die Christdemokraten nach einem politischen Anführer mit klaren Ansagen, der die Bedürfnisse der Konservativen und Wirtschaftsliberalen in der Partei ungeschminkter anzusprechen weiß, als Merkel oder Kramp-Karrenbauer es konnten oder wollten.

Merz hat diese ostdeutsche Anhängerschaft gepflegt. 2019 ist er in den ostdeutschen Wahlkämpfen als gern gesehener Redner aufgetreten. Entgegen des Rufes, er habe sich nach seiner Niederlage gegen Kramp-Karrenbauer rar gemacht, ist er durchaus durch die Provinz getingelt: Vergangene Woche war er Gastredner im Hamburger Wahlkampf, übermorgen besucht er das Mittelstandsforum der Berliner CDU, danach fährt er zum politischen Aschermittwoch nach Thüringen. Merz kann nicht nur elitär und glamourös, sondern auch Bierzelt.

Keine Zusammenarbeit mit der antidemokratischen AfD

Seine Botschaft ist dabei eine zweigeteilte. Einerseits grenzt er sich klar und deutlich von der AfD ab. Dieser beim Wähler erfolgreichen Konkurrentin, die es noch nicht gab, als Merz im Jahr 2002 noch CDU/CSU-Fraktionschef war. "Erfurt ist nicht Weimar", sagt der 64-Jährige mit Blick auf die Pattsituation in Thüringen. Er wirft der AfD vor, mit der Demokratie zu spielen, "so wie es die Nationalsozialisten auch gemacht haben". Mit dieser antidemokratischen, völkischen Partei könne es keine Zusammenarbeit geben, sagt er immer wieder.

Gleichwohl glaube er aber "fest daran", dass man einen "beachtlichen Teil der AfD-Wähler" zurück zur Union holen könne. Dann seien für die CDU auch wieder Werte um die 35 oder gar 40 Prozent drin. Diesen verirrten Wählern gelte es, "ein Angebot zu machen". Dieses Angebot sollte ebenso wertkonservative wie wirtschaftsliberale Elemente erhalten. Und wer – wenn nicht er – könnte dieses Angebot am besten verkörpern? 

Das ist der kaum verhohlene Subtext seiner Rede. 2018 hat sich die CDU bei ihrer Richtungsentscheidung für Kramp-Karrenbauer entschieden und somit für eine selbst ernannte Brückenbauerin zwischen den Flügeln der Partei und Strömungen des Zeitgeists. Als selbstloser Brückenschmied sieht Merz sich sicher nicht. Dieses Prinzip ist spätestens gestern gescheitert.