Merz sieht sich eher als Leuchtturm (eine seiner Lieblingsmetaphern). Als einer, der weiß und sagt, wo es lang geht. Dabei schadet es gar nicht, wenn die Inhalte, die dieser Leuchtturm so aussendet, nicht besonders originell sind. Im Gegenteil. Wer schon ein paar Reden von Merz gehört hat, kennt die Passagen. Merz will sich dem Klimawandel stellen ("ein ernsthaftes Problem, das ist nicht zu bestreiten"). Aber er möchte das nicht mit Verboten und Regulierung hinbekommen, wie die angeblich technologiefeindlichen Grünen, sondern er wirbt für marktwirtschaftliche Systeme, die Anreize schaffen. Außerdem möchte er den Soli für alle abschaffen und nicht, wie Rot-Grün, daraus eine verkappte Reichensteuer machen. Er möchte Europa stärken, damit man im Globalisierungswettbewerb mit den USA und China nicht total untergeht.

Alles nicht so neu. Es sind auch weniger die Inhalte, die das Publikum an Merz begeistern. Es ist die Art, wie er diese vorträgt. Merz' Sprache ist optimistisch, mitreißend, voller Superlative. Er kennt nicht nur "die großen Fragen des 21. Jahrhunderts", er hat auch pointiert formulierte Antworten. Frage: "Sind wir weltpolitikfähig?" Antwort: "Die Probleme unserer Zeit sind lösbar!" Man habe nur die Pflicht anzupacken! Dann seien auch die "epochalen Veränderungen" zu schultern. So einen kraftstrotzenden Gestus des Weltendeuters hat man von Kramp-Karrenbauer tatsächlich selten vernommen.

Er selbst, so schließt er seine Ausführungen, möchte einen Beitrag leisten, um die CDU voranzubringen. Nach einer guten halben Stunde Rede kommt nun endlich die Frage, die so viele umtreibt: Wird er noch einmal für den CDU-Vorsitz und damit am Ende auch für die Kanzlerschaft kandidieren?

Merz umschifft das Thema, explizit sagt er nichts. Er wolle die "Geschlossenheit und Einheit" der Partei nicht gefährden. Merz weiß, dass er zwar an der Parteibasis beliebt ist, unter den Spitzenfunktionären der CDU aber auf großes Misstrauen stößt. Zu unberechenbar, zu selbstverliebt, zu wenig teamfähig lauten die Urteile, die ihm schon 2018 innerparteilich begegneten. Laut eines aktuellen Bild-Berichts wollen ihn die bisherigen Führungsgremien der Partei abermals verhindern. Die tendieren zum NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet, auch Typ Brückenbauer. Merz solle maximal ein Ministerposten im ersten Nach-Merkel-Kabinett angeboten werden. 

Ist noch ein Spitzenposten drin?

Vermutlich würde Merz diesen nicht mal ablehnen. Eindeutig hat er zuletzt signalisiert, dass er es ernst meint mit seiner Rückkehr in die Politik – auch durch die Aufgabe seines Aufsichtsratspostens beim US-Vermögensverwalter BlackRock. Aber vorher, so mag er denken, könne man ja noch ausloten, ob nicht doch auch der Spitzenposten drin ist.

Das Publikum in Magdeburg jedenfalls wünscht sich Merz als nächsten Bundeskanzler. Das zeigt die kurze Fragerunde. "Wenn Sie Kanzler sind, was werden Sie anders machen?", fragt einer. Beim nächsten klingt es ähnlich. Der Magdeburger Wirtschaftsrat scheint in diesem Moment fest daran glauben zu wollen, mit dem Merkel-Nachfolger zu sprechen. Merz mag solche Fragen. Er trinkt beim Zuhören sein Wasser und zwinkert dem Fragesteller zu. 

In seiner Antwort verbittet er sich derlei Zukunftsszenarien nicht. Er greift sie auf, ohne sie sich wirklich zu eigen zu machen: "Wenn es nach mir ginge", sagt er und führt aus, wie er die AfD gesellschaftspolitisch und die Grünen technologiepolitisch angreifen würde. Aber zum Regieren müsse man koalieren, erwidert einer aus dem Publikum. Dafür sind Brückenbauer bekanntlich nicht verkehrt. Wenn man jetzt die Grünen attackiert, verbaut man sich dann nicht die koalitionspolitische Zukunft? Bevor wir "uns den Kopf über Koalitionen zerbrechen", solle die Union über sich selbst nachdenken, um zu alter Stärke zurückkommen, lautet Merz' Rezept.

Die Zusammenarbeit mit anderen Parteien sähe unter ihm aber anders aus als in den Merkel-Jahren. Merz sagt, ihm habe die Regierungsbildung in Österreich gefallen. Dort hätten die ÖVP unter Sebastian Kurz und die Grünen nicht auf Teufel komm raus Kompromisse geschmiedet, sondern jedem seine verantwortlichen Themen zugewiesen und obendrein "koalitionsfreie Räume" definiert, in denen das ganze Parlament gefragt sei. Das könnte ein Muster für Deutschland sein.

Der Wirtschaftsrat jubelt. Merz wird für "seine tolle Rede" gelobt. Ministerpräsident Haseloff sagt, er wünsche sich als neuen CDU-Vorsitzenden jemand, der ein "Gefühl für die Menschen" habe und "den Mut, konservative Werte zu vertreten". Er nennt keinen Namen. Aber jeder im Saal ahnt, wen er meint.