Man kommt sich schon sehr seltsam vor – das sei diesen Zeilen vorausgeschickt -, wenn man in den Zeiten des Terrors noch an etwas anderes denkt oder gar über etwas anderes schreiben will. Aber was soll man über den Terror selber schreiben, zumal wenn man über den Tathintergrund vor allem spekulieren muss? Und selbst die scheinbar schicksalhafte Wendung, der Terror sei nun nach Europa gekommen, wirkt doch auch nur wie eine verspätete Offenlegung unserer bisher gepflegten Illusionen. Der Terror ist – potentiell wie potent – überall, unabhängig von den politischen Systemen: Am 11. September 2001 in Amerika, immer wieder in Moskau (und in Tschetschenien, auch durch Moskau), in Istanbul (gerichtet gegen England) – nun in Madrid, im Nahen Osten jeden Tag. Wenn man sich die epidemische Ausbreitung des Terrors nur so umfassend (und nicht bloß selektiv) vergegenwärtigen würde, wie er auftritt, müsste man verzweifeln. Und alles Nachdenken und Schreiben über andere Themen als nebensächlich einstellen.

Nun aber trotzdem – zu unseren kleinen häuslichen Sorgen, zur Wahl eines neuen Bundespräsidenten. Da gilt nun: Heitmann lässt grüßen! (Zur Erinnerung: der weiland sächsische Justizminister Steffen Heitmann war vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ebenso überraschend zum Kandidaten ausgerufen worden wie Horst Köhler durch Angela Merkel. Heitmann hatte dann freilich sehr schnell durch bieder-dumpfe Äußerungen seine mangelnde Eignung für das hohe Amt derart drastisch unter Beweis gestellt, dass schleunigst nach einer anderen Lösung gesucht werden musste.)

Und nun? In einem mehr als unnötigen Schlenker verriet Horst Köhler, dass er sich am liebsten einen CDU-Kanzler und am liebsten Angela Merkel als Kanzlerin wünscht. Und damit diese Kolumne nicht den Verdacht der politischen Schlagseite auf sich zieht, sei gleich hinzugefügt, dass auch Frau Gesine Schwan nicht weniger deutlich in ihren innerparteilichen "Hintergrund" hin- und Gerhard Schröder heimleuchtete: Er könne seiner Politik keine richtig erkennbare Perspektive geben.

Das sind ja alles nette Ansichten! Nur passen sie – so oder so – nicht zu einer Person, die Staatsoberhaupt für alle Deutschen werden will. Und weil Horst Köhler als bislang einziger Kandidat ernsthafte Aussichten hat, gewählt zu werden, werden seine Patzer ernster genommen, als die von Gesine Schwan.

Wir wollen nun nicht ausführlich aufzählen, was ein Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten so wenig tun soll wie ein Präsident selber: Nicht nur nicht in zwischenparteiliche Streitigkeiten eingreifen, sondern auch nicht in innerparteiliche; nicht dem Parlament, vor allem aber nicht dem Wähler vorgreifen in der Auswahl des politischen Führungspersonals; nicht an die Leute denken, die ihn gewählt haben, sondern an jene, für die er sprechen soll, nämlich an alle – und so weiter und so fort. Wichtiger ist es, die Kandidaten an das zu erinnern, was sie tatsächlich tun sollen: Sie sollen das repräsentieren, was ein Land über das hinaus miteinander verbindet, an Sorgen, Nöten, Auswegen – also: über das hinaus, was parteipolitisch zu Recht umstritten ist. Das heißt nicht etwa, nur Appelle an das Gute, Wahre und Schöne, also lauwarme Luft zu verbreiten – das reicht nicht aus! Aber zu formulieren, was jenseits der Kontroverse Konsens ist – oder (und hier wird es besonders wichtig) Konsens sein müsste. Denn vieles ist bei uns politisch unnötigerweise oder nur zum Schein, also unehrlicherweise umstritten. An diesen Stellen des verdeckten oder verheimlichten oder verkannten Konsenses wäre ein Präsident – aber auch schon ein Kandidat gefragt!

Um es ungeschminkt zu sagen: Bisher haben weder Horst Köhler noch Gesine Schwan die parteipolitischen Eierschalen ihres Kürungsprozesses abgeworfen. Präsidiabel war an ihren bisherigen Äußerungen – noch nichts.