Helmut Schmidt: Verantwortung für nationale Probleme liegt nicht bei der EU Nach Ansicht von Altbundeskanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt ist nicht die EU für Probleme der Mitgliedsländer mit Arbeitslosigkeit oder hoher Verschuldung verantwortlich, sondern es sind die jeweiligen Regierungen. In der ZEIT schreibt Schmidt am Beispiel der Arbeitslosigkeit: "Sie beruht nur zum kleinsten Teil auf etwaigen Fehlern der EU, keineswegs auf dem Euro, einstweilen auch kaum auf der Globalisierung, sondern vielmehr auf Fehlentwicklungen innerhalb der Mitgliedsstaaten."
Zur Staatsverschuldung schreibt Schmidt: "Es sind allein die nationalstaatlichen Regierungen und Parlamente, die ihre ungesunden Finanzhaushalte bei Ausgaben und Einnahmen in eine bessere Ordnung bringen müssen." Jetzt sei es an den Regierungen und Parlamenten der Mitgliedsstaaten, "ihre Erkrankungen und Defizite zu erkennen und selbst die gebotenen Konsequenzen zu ziehen".
Als Ursache für die Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden macht Schmidt "Ängste vor Neuerungen" aus. Das Scheitern der Verfassung sei "ein Knochenbruch, nicht aber keine Querschnittslähmung". Europa sei nicht am Ende, allerdings werde "Realismus Platz greifen". Lafontaine nennt Angebot an Schröder zur Kanzlerkandidatur 1998 einen Fehler Der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine sieht im Zusammenhang mit seinem Rücktritt 1999 keinen Anlass zu Selbstkritik. Er habe nur einen Fehler gemacht, sagt Lafontaine der ZEIT: "Dass ich Schröder zugesagt habe: Wenn du bei der Wahl in Niedersachsen einigermaßen abschneidest, wirst du Kanzlerkandidat." Dass ihm nach seinem Rücktritt als Parteivorsitzender 1999 "soviel Hass und Verleumdung" entgegengeschlagen seien, sei für ihn nicht nachvollziehbar, ebenso wie der Vorwurf, er habe sich vor der Verantwortung gedrückt. 30 Jahre habe er der Partei und dem Land in verschiedensten Funktionen gedient, sagt Lafontaine, "mehr als doppelt soviel wie Schröder und Fischer". Der Grund für seinen Rücktritt sei gewesen, dass Gerhard Schröder "systematisch Vereinbarungen gebrochen" und die Zusammenarbeit damit aufgekündigt habe.
Lafontaine will bei der nächsten Bundestagswahl für ein Linksbündnis aus PDS und WASG antreten. EU-Kommissar Verheugen: "Wenn einem nichts mehr einfällt, dann wird Europa verdroschen" Der deutsche EU-Kommissar für die Industrie, Günter Verheugen, kritisiert in der ZEIT die allgemeine Haltung gegenüber Europa. "Ich weiß wohl, dass die Versuchung sehr groß ist, sich über vermeintliche Absurditäten lustig zu machen. Für die meisten gibt es gute Gründe. Es stört mich, dass die EU von Populisten aller Art benutzt wird, um billigen Beifall einzuheimsen. Wenn einem nichts mehr einfällt, dann wird Europa verdroschen."
Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber etwa kritisiere die EU wider besseres Wissen. "Nehmen Sie die berühmte Regel über die Sicherheit von Traktorensitzen. Sie ist einst von Deutschland eingebracht worden, weil ein Hersteller aus Bayern besonders sichere Sitze erfunden hatte und sich durch eine Richtlinie einen Wettbewerbsvorteil erhoffte. Ausgerechnet der Ministerpräsident des Freistaates benutzt das Beispiel nun gern, um in den heimischen Bierzelten über Europa herzuziehen."
Defizite bei der EU sieht Verheugen trotzdem. Zur Zeit prüfe man alle anstehenden Richtlinien. "Sollten sie überflüssig sein, werden wir sie zurückziehen." Doch zuviel Deregulierung könne auch gefährlich sein. "Wenn Ideologie ins Spiel kommt, dann ist Deregulierung ein Kampfbegriff, der bedeutet: Wir wollen einen Markt ohne Grenzen und Werte." Stattdessen brauche Europa einen sozialen und ökologischen Rahmen. "Ich will nicht weniger Europa, sondern ein besseres", so Verheugen. Erstmals Details aus McKinsey-Gutachten über Grohe Erstmals sind jetzt Details des Gutachtens bekannt geworden, das die Unternehmensberatung McKinsey für den unter Druck geratenen Armaturenhersteller Grohe erarbeitet hat. Wie die ZEIT berichtet, sieht das Konzept in seiner radikalen Variante die Schließung der Werke in Porta Westfalica und Lahr vor. In Verwaltung und Vertrieb sollen zusätzlich 239 Stellen gestrichen werden. Insgesamt würden in Deutschland 2700 Vollzeitstellen den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Zugleich würden in den Grohe-Werken in Kanada, Portugal und Thailand insgesamt 727 Stellen geschaffen und in Polen ein neues Werk für 810 Mitarbeiter gebaut werden.
In der vom Grohe-Vorstand favorisierten, weniger radikalen Variante blieben alle deutschen Werke bis auf Herzberg erhalten. Zusammen mit Herzberg, dessen Ende bereits Anfang vergangener Woche verkündet wurde, würden insgesamt 1570 Stellen abgebaut. In beiden Varianten sieht McKinsey Einsparungen im Einkauf in Höhe von 68 Millionen Euro vor. Von Grohe angedacht ist nach Informationen der ZEIT auch die Verlagerung des Werks in Kanada, zum Beispiel nach Mexiko.
"Grohe ist kein Sanierungsfall", sagt Vorstandschef David Haines mit Blick auf den Aufruhr in den vergangenen Wochen. "Unser Produktangebot wird hochqualitativ und hochpreisig bleiben. Von einer Neupositionierung der Marke Grohe kann nicht die Rede sein", tritt Haines Kritikern entgegen, die durch die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer die Marke und das Image von Grohe gefährdet sehen. Bulmahn: Geisteswissenschaften nicht kaputtsparen Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn hat sich für den Erhalt so genannter Orchideenfächer ausgesprochen. "Es gibt gewisse Anzeichen dafür, dass einzelne geisteswissenschaftliche Fächer bei Sparrunden die ersten Opfer werden", sagt Bulmahn in der ZEIT. Besonders problematisch werde es, wenn sich die Bundesländer untereinander nicht abstimmen und überall unkoordiniert die gleichen Fächer streichen. Dann könne es passieren, "dass einzelne Disziplinen so kleingespart werden, dass eine sichtbare Forschung nicht mehr möglich ist", so die SPD-Politikerin. Bulmahn bezeichnet es als eine mögliche Aufgabe für den Wissenschaftsrat, die Entscheidungen der Länder zu beobachten und gegebenenfalls Alarm zu schlagen, wenn ein Fach in Gefahr gerate.
Darüber hinaus fordert Bulmahn die Geisteswissenschaften auf, sich stärker zusammenzuschließen und ihre Forschungsergebnisse mutiger in die Öffentlichkeit zu tragen. Ein neues geisteswissenschaftliches Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums soll die Hochschule dabei unterstützen. Die Geisteswissenschaften "müssen raus aus der Defensive", so die Ministerin. Rifkin hält Ablehnung der EU-Verfassung für Protest gegen ökonomischen WildwuchsDer US-Wirtschaftswissenschaftler Jeremy Rifkin hält die Ablehnung der EUVerfassung in Frankreich und den Niederlanden für einen Protest der Bürger gegen deregulierte Märkte und ökonomischen Wildwuchs. "Die gegenwärtige europäische Debatte", so Rifkin in der ZEIT, "stellt nicht die EU-Verfassung infrage, sondern – indirekt – die Zukunft des Kapitalismus. Dies nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt. Immer mehr Europäer fragen sich, ob das liberale oder das soziale Marktmodell die bessere wirtschaftliche Zukunft verspricht. Kurzum, die Verfassungsabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden wurden zu Ersatzforen, auf denen die Menschen ihre ökonomischen Vorlieben, Hoffnungen und Ängste zum Ausdruck brachten." Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der UdSSR, so Rifkin, könne der Kapitalismus "der Welt seinen Willen aufzwingen". Doch die Wirklichkeit, die er dabei geschaffen habe, sieht "düster" aus. Deshalb sei die Zeit gekommen, dass sich der Westen an "eine interne, selbstkritische Bestandsaufnahme macht" und den Kapitalismus sozial reformiert. Wenn dies in Europa gelänge, "wäre es ein Modell und ein Vorbild für den Rest der Welt". Jeremy Rifkin ist Buchautor und Gründer der Foundation of Economic Trends in der USHauptstadt Washington.Biennale-Künstler Tino Sehgal ersetzt Ausstellungskatalog durch Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk Erstmals in der Geschichte der Kunstbiennale Venedig ersetzt ein Zeitungsgespräch einen Ausstellungskatalog. "Das Grundprinzip meiner Arbeit ist es, keine materiellen Dinge herzustellen", sagt der Künstler Tino Sehgal, der in diesem Jahr in den deutschen Pavillon eingeladen wurde. Statt einen Katalog zu produzieren, diskutiert er in einem ZEIT-Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk über die Zukunft des Kapitalismus.
Sehgal sieht im Kunstmarkt ein Vorbild auch für andere Wirtschaftsbereiche: "Der Kunstmarkt ist der erste Markt, auf dem Produkte angeboten werden, die sich noch nicht einmal mehr darum bemühen, einen unmittelbaren Gebrauchswert zu behaupten." Ähnlich plädiert auch Sloterdijk für eine Neubewertung gegenwärtiger Wirtschaftsprozesse: "Die ganze Geschichte der Metaphysik ist ja geprägt von der Sehnsucht nach der Arbeitslosigkeit, oder nennen wir es vorsichtiger: der Arbeitsfreiheit." Nur sei diese Sehnsucht in Vergessenheit geraten. "Bis heute hat sich der Mensch an diesen Überschuss nicht gewöhnt, er hat es nicht gelernt, mit dem Reichtum umzugehen." "Für mich ist Kunst nie so etwas Einmaliges wie dieses Gespräch," sagt Tino Sehgal, der in dieser Woche zusammen mit dem Künstler Thomas Scheibnitz den Deutschen Pavillon in Venedig eröffnen wird. Für den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek ist das "Nein" zur EU-Verfassung ein "Ausdruck der Hoffnung" Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek kritisiert, dass die europäischen Eliten mit dem Referendum zur EU-Verfassung die Bürger vor eine Scheinalternative gestellt haben. "Die Menschen", so Zizek in der ZEIT, "sollten das Unvermeidliche ratifizieren, das Resultat aufgeklärten Expertentums. Die Medien und die politische Elite inszenierten die Wahl als eine zwischen Wissen und Unwissenheit, zwischen Sachkenntnis und Ideologie."
Auf diese Scheinalternativen hätten die Bürger zu Recht mit Ablehnung reagiert. Ihr "Nein", so Zizek, sei "ein Ausdruck der Hoffnung". Es bringe die denkbar stärkste Missbilligung der politischen und medialen Elite zum Ausdruck. Sie hätten die "Menschen wie zurückgebliebene Schüler" behandelt, "die die Lektion der Experten nicht verstanden haben". Die "Botschaft des französischen Nein" laute für alle, denen Europa am Herzen liegt: "Anonyme Experten, die uns ihre Ware in knallbunter, liberal-multikulturalistischer Verpackung verkaufen wollen, werden uns nicht am Denken hindern. Es ist für uns, die Bürger Europas, an der Zeit, uns bewusst zu machen, dass wir eine genuin politische Entscheidung darüber treffen müssen, was wir wollen. Kein aufgeklärter Verwalter kann uns diese Aufgabe abnehmen." Regisseur Fatih Akin stellt sich das Paradies "langweilig" vor Der Regisseur Fatih Akin spricht in der ZEIT über seine Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod: "Ich glaube, dass das Paradies furchtbar langweilig sein kann. Ewige Glückseligkeit mit Frauen? Da müssen die sich schon ein bisschen mehr ausdenken." Schließlich gebe es so etwas wie "sexuelle Übersättigung". Akin: "Was macht man dann im Paradies? Man langweilt sich. Sexuelle Übersättigung, das kennt doch jeder. Wie Übersättigung an Speisen. Was soll daran toll sein?"
Schon als Kind habe er sich vorgestellt, dass "dir Gott oder ein Engel alle Fragen, die du dir stellst, aber nicht beantworten kannst, im Tod beantwortet. Wer hat mein Schulbrot geklaut? Wer hat Malcolm X wirklich erschossen? Gibt es Außerirdische?"
Fatih Akins neuer Dokumentarfilm "Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul" startet diese Woche. Für Rückfragen stehen Ihnen Elke Bunse oder Iljane Weiß, ZEIT-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, (Tel.: 040/3280-217, Fax: 040/3280-558, e-mail: bunse@zeit.de) gern zur Verfügung.