Verfassungsrechtler Dieter Grimm zur Geiselbefreiung und der Erpressbarkeit von Staaten
"In solchen Fällen braucht die Regierung Handlungsfreiheit" Der renommierte Verfassungsrechtler Dieter Grimm bestätigt, dass die Bundesregierung bei der Frage, welche Forderungen der irakischen Geiselnehmer sie erfüllen will, große Handlungsfreiheit gehabt habe. "Ausschlaggebend ist" sagt Grimm in der ZEIT, "ob man die Frage 'Geld gegen Leben' isoliert betrachtet oder die möglichen Weiterungen in die Überlegungen einbezieht, vor allem die, dass jede geglückte Erpressung zur Nachahmung einlädt." Andererseits brau-che die Regierung in solchen Situationen Handlungsfreiheit. "Wenn der Staat in jedem Fall verpflichtet wäre, auf die Forderungen einzugehen, würde seine Reaktion für Geiselnehmer kalkulierbar werden." Grimm, der von 1987 bis 1999 Richter am Bundesverfassungsgericht war und heute Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin ist, erinnert an den Fall Hanns-Martin Schleyer. Als der ehemalige Arbeitgeberpräsident im Herbst 1977 von Mitgliedern der RAF entführt wurde, wollte seine Familie die Regierung per Gerichtsentscheid verpflichten, auf die Forderungen der Erpresser einzugehen. Doch das Bundesverfassungsgericht entschied, es gebe keinen verfassungs-rechtlichen Zwang, das Opfer einer Entführung freizukaufen. "Das war eine mu-tige und sehr vernünftige Entscheidung", sagt Grimm. "Muss man nicht Felder bewahren, in denen das Recht nicht allein entscheidet, sondern die Politik ihre Verantwortung behält?"

Stuttgarter Intendant Zehelein kritisiert Mutlosigkeit an Opernhäusern
Nach 15 Jahren als Intendant verabschiedet sich Klaus Zehelein von der Stuttgarter Staatsoper. In der ZEIT zieht er Bilanz. Fünfmal wurde das Stuttgarter Haus unter seiner Leitung zum Opernhaus des Jahres gewählt. Zehelein engagierte sich in dieser Ära vor allem für Neue Musik: "Ich bin gegen Kompositionen, die auf überschaubare, gestrige Modelle zurückgreifen, und gegen ein Theater, das glaubt, zwischen gut und böse, richtig und falsch entscheiden zu können." Als Präsident des Deutschen Bühnenvereins kritisiert er die allgemeine Mutlo-sigkeit im deutschen Opern- und Inszenierungsbetrieb: "Wenn der Intendant ein Stück aus Vorsicht nur dreimal ansetzt, ist es erledigt: Das Publikum fühlt sich nicht eingeladen. Kunst zu machen heißt, nicht noch einen Plan B zu haben." Zehelein fordert die Opernhäuser auf, die Grenzen der Institutionen zu überschreiten und sich dabei selbst in Frage zu stellen. "Gatterschutz ist ja vielleicht für eine Schafherde ganz schön, aber nicht für uns. Wir können Dinge tun, die andere, die sich dem Markt unterwerfen, nicht mehr tun."

Bischöfin Käßmann: Ehegattensplitting durch Familiensplitting ersetzen
Margot Käßmann, Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, hat sich für eine Abschaffung des Ehegattensplittings im Steuerrecht ausgesprochen, von dem vor allem Paare mit unterschiedlichen Einkommen profitieren. Die bestehende Regelung solle durch ein Familiensplitting nach französischem Vorbild ersetzt werden, bei dem der Steuervorteil nicht nur vom Ehestand, sondern auch von der Kinderzahl abhängt, erklärt Käßmann in der ZEIT. "Die Kosten für Kinder werden hierzulande privatisiert, während die gesamte Gesellschaft den Nutzen gern in Anspruch nimmt", sagt Käßmann. "Ein Familiensplitting ist sinnvoll, weil es auch das Steuersystem kinderfreundlicher machen würde."

Assauer über Klinsmann: "Er ist ein eiskalter Hund"
Fußballmanager Rudi Assauer (FC Schalke 04) kritisiert in der ZEIT Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der "wie der ideale Schwiegersohn" wirke. In Wahr-heit sei Klinsmann aber "ein eiskalter Hund, das hat er schon als Spieler bewie-sen. Sein Berater war damals der Einzige, der eine Sonderprämie ausgehandelt hatte für Klinsi. Damals gab es so etwas ja noch gar nicht." Obwohl auch Assauer Jens Lehmann als Nationaltorhüter Nummer 1 den Vorzug gibt, gefällt dem Schalker Manager nicht die Art und Weise, wie der Bundestrainer Lehmanns Konkurrenten Oliver Kahn "auf dem kalten Weg abserviert" habe. "Dafür", so Assauer, "war Kahn einfach zu wertvoll für Deutschland, da hätte man sich einen anderen Abgang vorstellen können. Das wiederum wirft ein Licht auf Klinsmann."

Amerikanischer Energieexperte Lovins: Der Markt scheut die Risiken der Kernkraft
Amory Lovins, amerikanischer Energieexperte und Träger des Alternativen Nobelpreises, bezeichnet die politischen Vorstöße, die Kernenergie wieder zu beleben, als "Ausdruck kollektiver Vergesslichkeit". Diese Technologie werde nur noch in Ländern mit einer staatlichen Wirtschaftsplanung geordert. Privates Risikokapital aber scheue die hohen Kosten und Risiken. "Die Kernkraft ist längst dem tödlichen Angriff des Marktes zum Opfer gefallen", sagt Lovins in der ZEIT. Der Leiter des Rocky Mountain Institute in Colorado plädiert stattdessen für ein "preisgünstiges Gegenmittel", um sich vom Öl unabhängig zu machen: "Am besten ist in jedem Fall, man verbraucht viel weniger von dem Zeug." Durch eine Verdoppelung der Energieeffizienz, etwa bei Heizung und Autos, lasse sich der Ölverbrauch in den USA halbieren. Die übrige Hälfte könne durch Erdgas und Biokraftstoffe ersetzt werden. Lovins: "Für im Durchschnitt 15 Dollar pro Fass könnten wir uns also vom Öl verabschieden."

Schalke-Manager Rudi Assauer denkt übers Aufhören nach
Rudi Assauer vom Fußballverein FC Schalke 04 ist sich nicht mehr sicher, ob er tatsächlich – wie vom Verein geplant – am 1. August sein Amt als Fußballma-nager aufgibt und dann Präsident des Vereins wird – oder lieber ganz hinwirft. "Ich bin noch so klar in der Birne, dass ich frühzeitig weiß, wann der Tag gekommen ist, an dem ich aufhöre", sagt er der ZEIT in einem ausführlichen Inter-view. "Ich sage mir manchmal: Assi, du hast genug gearbeitet, jetzt lässt du alles los, und das machen jetzt die anderen." Zeit für einen klaren Schnitt? Assauer: "Vielleicht, ja." Assauer und Schalke 04, das funktioniere nur "ganz oder gar nicht". Er fürchte den Tag seiner Entscheidung nicht. "Was habe ich denn zu verlieren?", so der 62-Jährige, "wenn ich ganz aufhöre, dann machen sie mich hier zum Ehrenpräsidenten oder so was." Immer wieder versuchten Schalker Vereinsfunktionäre, ihn vom Thron zu stoßen. "Was meinen Sie, wie viele Leute immer an meinem Stuhl kratzen", sagt Assauer. "Ob es alte Kumpels sind oder nicht – sie kratzen."

Holzheizungen dreckiger als alle Motoren
Gas und Öl werden teurer – der Holzmarkt boomt. Das Geschäft mit Pellets, Kettensägen und Öfen floriert. Doch der Trend zum gemütlichen Knisterfeuer hat Schattenseiten. Holz- und Kohleöfen pusten nicht nur Gifte wie Dioxin, Teer und krebserregende Kohlenwasserstoffe (PAH) in die Luft, sondern auch heimtückische Feinstäube. Wie die ZEIT schreibt, produzieren laut Umweltbundesamt allein die Kamine und Holzöfen von Haushalten und Kleingewerbe jährlich 24.000 Tonnen ge-sundheitsschädlichen Feinstaub – mehr als alle Motoren von Pkw, Lkw und Motorrädern zusammen. In Deutschland dürften jährlich etwa zwanzigtausend Tote auf die gesundheitliche Belastung durch Feinstäube aus Holzheizungen zu-rückgehen. Weil Heizen mit Holz als CO2-neutral und klimaschonend gilt, predi-gen Politiker lieber Russfilter für Dieselfahrzeuge und Tempolimits. Diese An-strengungen führen zehn Millionen Ofenrohre von Holzheizungen ad absurdum. Denn ein alter Holzofen belastet die Luft stärker als 3.000 Gasheizungen einer ganzen Kleinstadt.