Der Friedensaufbau in post-Konflikt-Gesellschaften wird heute durch das Phänomen der "neuen Kriege" und die global stattfindenden militärischen Interventionen von außen geprägt.Das Kernproblem internationaler Politik besteht heute darin, dass Staatlichkeit global betrachtet vielfach schwach ausgeprägt und im Niedergang begriffen ist und daß in solchen zerfallenden Staaten häufig Bürgerkriege stattfinden. Die völkerrechtlich gebotene Unterscheidung von zivilen und militärischen Zielen wird dabei aufgehoben, klare Frontlinien sind nicht erkennbar. Während dieser neuen Bürgerkriege etabliert sich auch ein neuer Typus von Ökonomie, der besonders geprägt ist durch Außenbezüge. Diese beruhen zum einen auf z. T. illegalen Hilfelieferungen vom Ausland, zum anderen spielen Diasporas, also im Ausland lebende Gruppen von Angehörigen des Staatsvolkes eine völlig neuartige Rolle, indem es durch Nutzung globalisierter Prozesse beispielsweise möglich wird, in kurzer Zeit Ressourcen für gewaltförmige Operationen zu akquirieren. Der Staat hat sein Gewaltmonopol eingebüßt, was ihn durch Max Weber zentral definiert, lokale Kriegsherren kontrollieren das Kriegsgeschehen sowie die Politik. Sie agieren auch aus wirtschaftlichen Eigeninteressen als "Gewaltunternehmer", finanzieren sich durch den Verkauf von wertvollen Ressourcen wie Diamanten oder Öl und nutzen Prozesse der Globalisierung geschickt aus. Auf den Weltmärkten sind Waffen, Militärpersonal und Kommunikationsstrukturen offenbar problemlos beschaffbar. Vor allem eine unkontrollierte nukleare Proliferation, der Handel mit "schmutzigem" spaltbaren Material sowie mit chemischen und biologischen Stoffen stellen ein bedrohliches Potential dar.Diese Entwicklung von Staatszerfall und "neuen Kriegen" setzt in den neunziger Jahren ein und kulminiert zunächst auf dem Balkan im jugoslawischen Sezesssionskonflikt. Die Frage, wie die internationale Staatengemeinschaft hierauf reagieren soll, welche Möglichkeiten Diplomatie und internationale Vereinbarungen haben und welche Mittel greifen sollen, wenn Verhandlungen und Diplomatie ein Erfolg versagt bleibt, bewegt seitdem den politischen und wissenschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik und in anderen Ländern. Dabei hat sich in der Bundesrepublik ein Grundkonsens über die Priorität des internationalen Rechts vor militärischen Intervention durchgesetzt. "Peace building" in post-Konflikt Gesellschaften ist nach Auffassung der deutschen Friedens- und Konfliktforschung ein zentrales Scharnier für diese Priorität einer internationalen Rechtskultur.Bereits 1992 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der "Agenda for Peace" festgehalten, daß erheblicher Nachdruck auf dem "post-conflict peace building" liegen müsse, um zum Frieden zu gelangen. Wie Immanuel Kant einst formuliert hat: "Der Frieden muß gestiftet werden". Es geht um dezidierte politische Akte. Nunmehr ist es an der Zeit nach den Erfahrungen und auch Grenzen des UN-Konzeptes zu fragen.Die Bundeswehr hatte ausgiebige Gelegenheit, im ehemaligen Jugoslawien und jetzt in Afghanistan Erfahrungen bei Bemühungen zur Friedensbildungen zu sammeln. Volker Matthies, Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, der Ausbildungsstätte für Stabsoffiziere, hat dazu beispielsweise ein Buch vorgelegt "Der gelungene Frieden", in dem die neue Rolle der Bundeswehr thematisiert wird. Auch ethnologische Forschungseinrichtungen meldeten sich zu diesem Problem zu Wort. Vom Zentrum "Moderner Orient" hat etwa Georg Kluthe einen Beitrag vorgelegt "Vom Krieg zum Frieden". Wegen ihrer fachspezifischen Fragestellungen sollen diese Ansätze hier nicht weiter betrachtet werden. Wichtig scheint mir der Gedanke, daß es nach den Interventionen von außen vor allem darum geht, zwischen ethnisch verfeindeten Gruppierungen zu ausgewogenen Machtverteilungen zu kommen.Im Bereich des peace building ist die Bundesregierung schon in der Vergangenheit bemerkenswert aktiv gewesen. So haben etwa das Auswärtige Amt und das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit gut ausgestatteten Programmen zur Förderung von nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) bei Versuchen der Friedensbildung Schwerpunkte gesetzt. Der Etat des Auswärtigen Amtes betrug dafü r allein im Jahr 2001 rund 28 Millionen DM. Nunmehr hat die Bundesregierung ein Zentrum "Internationale Friedensdienste gegründet", welches vom stellvertretenden Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik , dem zentralen "Denktank" des Auswärtigen Amtes und des Verteidigungsministeriums aufgebaut wird. Winrich Kühne, der Leiter des ZIF, gibt als Prioritäten bei der Konsolidierung von Frieden an: ein erklärter Wille der Konfliktparteien kooperativ zusammen zu arbeiten, vereinbarte Regeln über die Teilung der politischen Macht, und ein gemeinsames Interesse an der Wiederherstellung funktionierender Staatlichkeit. Manfred Stolpe, der neue Bundesminister für den Aufbau in den ostdeutschen Ländern, betont zusätzlich die Bedeutung der Aufarbeitung der Vergangenheit. "Peace and Reconciliation Comittees" haben in Sü dafrika und Argentinien, beispielsweise, wesentliches zur Entfeindung in sich zerstrittener Gesellschaften beigetragen. Die Existenz eines solchen "reconciliation comittee" kann als Indikator für einen aussichtsreichen Friedensprozeß gelten. Derzeit gibt es weltweit 19 solcher "reconciliation comittees", allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Ein negatives Beispiel ist etwa das "reconcialition comittees" in Ost-Timor, dessen Erfolg dahin steht.Allgemein gilt für das "post-conflict peace building", daß wirtschaftliche Wohlfahrt und größere soziale Gerechtigkeit als Erfolgsbedingungen gelten. Offen bleibt allerdings, wie dies erreicht werden soll, wenn ein großer Teil der Bevölkerung wirtschaftlich verarmt oder arbeitslos ist. Am Beispiel des Kosovo-Konflikts haben wir erfahren können, daß "peace building" nicht nur durch das Problem der Staatsschwäche und durch die ethnische Fragmentierung der Bevölkerung erschwert wird, sondern auch durch das Phänomen einer "aid-driven-economy", in der Korruption, Informalität und Kriminalität blühen, Hilfslieferungen des Auslands in undurchsichtigen Kanälen der informellen Ökonomie versickern und der Aufbau einer produktiven (Friedens-)wirtschaft trotz der Hilfen nicht oder nur schwer gelingt.Neben den ökonomischen Strukturen bleiben politische Strukturen in den fraglichen Regionen amorph. Politische Parteien spielen eine periphere Rolle, die politische Partizipation der Bevölkerung bleibt gering. Die Formel der UN, daß der Frieden konsolidiert sei, wenn die ersten demokratischen Wahlen stattgefunden haben, bleibt zu vordergründig für den politischen Alltag. Die Vereinten Nationen werden noch länger als "transitional authority" die Regierungsgewalt in Regionen wie beispielsweise dem Kosovo ausüben müssen, ehe auch politisch von Befriedung gesprochen werden kann. Derzeit bleibt auch offen, ob Kosovo Serbien einverleibt wird oder als neuer Kleinstaat in die Unabhängigkeit entlassen wird, d. h. die Perspektive von state building bleibt unscharf.Das Fazit aus den bisherigen Erfahrungen könnte zum einen negativ lauten, diese neuartigen post-Konflikt-Gesellschaften weiterhin ökonomisch und politisch stagnieren und möglicherweise wiederum in gewaltförmige Konfliktaustragung zurü ckfallen werden.Zum anderen läßt sich aus den bisherigen Erfahrungen ein Katalog von Erfolgsbedingungen ableiten. Diese Bedingungen sind vor allem politischer Natur. Wiederaufbau von Staatlichkeit, vor allem Rechtsstaatlichkeit, die die Rechtssicherheit der Bevölkerung erhöht bzw. überhaupt erst herstellt, Einhaltung der Menschenrechte, politische Verantwortlichkeit von Machthabern, akzeptierte Regeln der politischen Verfahren, innergesellschaftliche Aussöhnung, akzeptierte Institutionen für die Mediatisierung von Gegensätzen und Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen, sowie intensive Kooperation mit dem Ausland beim Wirtschafts- und Staatsaufbau sind hier zu nennen. Hierzu scheint eine gezielte Weiterentwicklung internationaler Institutionen, die in solchen Prozessen helfen können, unverzichtbare Voraussetzung. Für die Europäer liegt hierin eine der größten Herausforderungen für die Zukunft.