Am Wochenende treffen sich in Aachen die Globalisierungskritiker von Attac zu ihrer Herbst-Vollversammlung. Auf dem "Ratschlag" wird diesmal nicht nur um Konzepte für eine "Alternative Weltwirtschaftsordnung" geredet oder über Aktionen gegen "neoliberalen Sozialabbau". Am Samstagabend, dem attraktivsten Termin der Tagung, steht auf der Tagesordnung: "Diskussion Israel/Palästina".Was hat der Nahost-Konflikt mit der Globalisierung zu tun? Eigentlich wenig. Trotzdem gab es in den vergangenen Monaten kaum ein Thema, das innerhalb von Attac ähnlich kontrovers diskutiert wurde. Im Streit um die zutreffende Beurteilung der Politik von Israelis und Palästinensern droht sich die ganze Organisation zu zerfleischen. Ein Teil der Mitglieder versteigt sich regelmäßig in wüste Angriffe auf Israel: Da wird Ariel Scharon als Faschist bezeichnet und das Vorgehen der israelischen Armee mit den Untaten der Nazis verglichen. Man solidarisiert sich nicht nur mit dem zivilen Widerstand der Palaestinenser, sondern auch mit deren Terrorismus. Höhepunkt war im Sommer der Aufruf einer Attac-Gruppe zum Boykott israelischer Waren, die in den besetzten Gebieten produziert wurden.So etwas verbiete sich in Deutschland, protestieren andere Attac-Mitglieder. Sie werfen den Israel-Feinden in ihren Reihen Antisemitismus vor. Die wiederum wehren sich gegen die "Auschwitz-Keule". Der Streit hat inzwischen die Attac-AG Globalisierung und Krieg lahmgelegt. Auf deren E-Mail-Liste, wo früher gemeinsame Aktionen geplant wurden, schwirren heute Beschimpfungen und Gehässigkeiten hin und her. "Nachdem bei Eurer erfreulich kleinen Kundgebung...", begann kürzlich ein Debattenbeitrag. Aus der sektiererischen Linken kennt man solche Töne seit Jahrzehnten. Attacs Stärke war es bislang, sich davon fernzuhalten.Bisher hat Attac hilflos auf den Konflikt reagiert. Das Führungsgremium, der "Koordinierungskreis", schritt aus Angst, undemokratisch zu erscheinen, nicht ein. Als ein Mitglied des Koordinierungskreises vor drei Wochen endlich öffentlich zugab, dass es "vielen Attac-Sympathisanten" an Sensibilität für Antisemitismus mangelt, brach ein Sturm der Entrüstung über sie herein. Was bisher für die Organisation oberstes Gebot war, wird zum Problem: Basisdemokratie und das Prinzip des Pluralismus. Nun rächt sich außerdem, dass sich Attac seit dem 11. September nicht mehr auf die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Globalisierung konzentriert, sondern sich auch in der Sicherheits- und Geopolitik für kompetent hält.Begonnen hat die Auseinandersetzung bereits vor fast einem Jahr. Auf einer Vortragsreihe in 16 deutschen Städten, mit der für die Anti-Kriegs-Proteste mobilisiert werden sollte, sorgten einige Referenten mit israel-feindlichen Reden für Eklats. Die attac-interne Debatte dazu schlief ein, nachdem die Demo am 15. Februar in Berlin ein großer Erfolg wurde. Der Koordinierungskreis betonte lediglich, "dass es Attac enorm schaden kann, wenn es auch nur in den Ruf gerät, antisemitische Äußerungen und Positionen zu dulden". Lapidar verwies das Gremium noch auf ein Diskussionspapier mit dem Titel "Grenzen der Offenheit", das bereits Ende 2002 beschlossen worden war.Darin distanzierte sich Attac von nationalistischer Globalisierungskritik, wie sie zum Beispiel die NPD oder der amerikanische Rechtspopulist Pat Buchanan vertreten. Ein überfälliger Schritt: Im November 2002 hatte eine Gruppe Skinheads an einer Friedenskundgebung von Attac München teilgenommen. Auf einer Demo in Düsseldorf wurde aus einem Attac-Block gerufen: "Wessen Straßen? Unsere Straßen! Wessen Deutschland? Unser Deutschland!" In Polen sind Rechtsextreme gar maßgeblich an der Gründung von Attac beteiligt gewesen. "Das Konzept des Vaterlands, des Staates, der Nation und vor allem des Patriotismus ist bedroht", heißt es etwa in der Gründungserklärung von Attac Polen. "Wir betonen, dass Attac eine polnische Vereinigung ist, die an erster Stelle polnische Interessen verteidigt sowie die Souveränität von Entscheidungen der polnischen Gesellschaft, die polnische Kultur und Tradition wie auch polnisches Eigentum". Dass Globalisierungskritik nicht nur für Linke attraktiv ist, zeigte sich erneut in diesem Sommer, als in Frankfurt/Main die rechtspopulistische Wählergemeinschaft BFF eine Unterschriftensammlung von Attac unterstützte.Der Koordinierungskreis hatte geglaubt, mit seinem Papier "Grenzen der Offenheit" das Thema erledigt zu haben. Dort heißt es, der Pluralismus von Attac habe "seine Grenzen, wo Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus ins Spiel kommen", weshalb "rechtsextreme Positionen jeder Art im Netzwerk keinen Platz" hätten. Doch beim Antisemitismusstreit innerhalb von Attac geht es nicht um Rechtsextremismus, sondern um die Israelfeindschaft der Linken, die in Deutschland ebenfalls Tradition hat. Und damit tun sich die Globalisierungskritiker schwer.Attac ist in den vergangenen drei Jahren rasant gewachsen, hat inzwischen 200 Ortsverbände. Unter den fast 13.000 Mitgliedern sind Linksextreme zwar die Minderheit, aber sie sind die Lautesten. Sie stammen oft aus trotzkistischen oder marxistischen Gruppen, sind geschult im Reden, haben auf den Versammlungen schlicht die längste Geduld. Für sie ist Attac bloß ein Vehikel, ihre Ideologie unters Volk zu bringen.Während für die meisten Attac-Mitglieder die Politik der Regierung Scharon einfach nur dem Gerechtigkeitssinn widerspricht, sehen die Linksradikalen in Jerusalem den Weltimperialismus am Werk. Folglich verlangt Linksruck, eine der Mitgliedsorganisationen von Attac Deutschland, die "bedingungslose" Solidarität mit der Intifada gegen den "rassistischen Kolonialstaat Israel". In einem Positionspapier von Linksruck heißt es: "Die Beschränkung unserer Solidarität auf die friedlichen Kräfte des palästinensischen Widerstands bedeutet in Wahrheit den Ausschluss der überwältigenden Mehrheit der Palästinenser und der antiimperialistisch fühlenden arabischen Massen aus der weltweiten Antikriegsbewegung." Regina Sternal, Linksruck-Mitglied und bei Attac immerhin zur Sprecherin der AG Globalisierung und Krieg aufgestiegen, meint gar, Islamisten könnten "Partner im Kampf" sein. Eine Position, die der "Querfrontstrategie" des ehemaligen RAF-Mitglieds Horst Mahler ähnelt, der jetzt unter Neonazis für ein Bündnis mit Linksradikalen wirbt.Attac wird sich am Wochenende nicht nur mit Antisemitismus, sondern mit seinem Verhältnis zur Gewalt auseinandersetzen müssen. Allen Beteiligten ist klar, dass die Wellen hoch schlagen werden in Aachen. Vorsichtshalber vermerkt die Tagesordnung zur Diskussion Israel/Palästina in Klammern: "evtl. Beschlüsse erst am Sonntag, nachdem wir alle die Möglichkeit hatten, zu reflektieren".