Als Tony Blair 2007 in Tripoli weilte, streckte ihm der libysche Staatschef Oberst Gadhafi die linke Hand zum Gruß entgegen. Der Premier ergriff sie, um erst später - zu spät - der ostentativen Demütigung gewahr zu werden, die Gadhafi beabsichtigt hatte. Zur Gaudi der ganzen arabischen Welt.

Doch Blair hielt dies nicht davon ab, mit der Strategie der Umarmung fortzufahren. Das libysche Regime mag garstig sein. Gleichwohl ist seine Resozialisierung wünschenswert, ja notwendig. Ein Regime weniger, das nach Massenvernichtungswaffen strebt und das internationalen Terrorismus finanziert.

Auf beiden Feldern hatte sich Libyen in der Vergangenheit emsig engagiert, wie Europa und Amerika aus leidvoller Erfahrung wissen. Und dann sind da die beträchtlichen Öl- und Gasreserven, die größten in Afrika, die Europa helfen, die Abhängigkeit von anderen Ländern zu reduzieren. Allesamt sind das triftige Gründe, nicht zu zimperlich zu sein im Umgang mit dem libyschen Despoten. Seit fast 15 Jahren haben sich diverse europäische Regierungen darum bemüht, Muammar al-Gadhafi den Weg zurück in die zivilisierte Welt zu ebnen, wobei dieses Unterfangen erheblich kompliziert wurde durch das Thema Lockerbie.

So richtig es ist, die Rehabilitierung des Schurkenstaates Libyen zu betreiben: Dies darf nicht zu Gadhafis Bedingungen geschehen. Der Oberst, vor 40 Jahren durch einen Militärputsch an die Macht gelangt, bleibt ein unerfreulicher, manipulativer Diktator. Gewiss ist er "unser Schurke", um ein Wort von Dick Cheney zu benutzen, dem ehemaligen US-Vizepräsidenten. In der arabischen Welt ist Gadhafi weithin isoliert, Islamisten zählen zu den Todfeinden seines nationalistischen Regimes.

Doch muss der Westen auf der Hut bleiben. Gadhafi treibt, wo immer er kann, ein böses Spiel. Er trachtet danach, Regierungen zu demütigen und als korrupt vorzuführen, bereit ihre Prinzipien und Normen aufzugeben. Der Umgang mit Libyen wird zur Gratwanderung, die nicht nur Geschick, sondern auch die Bereitschaft verlangt, neben Zuckerbrot die Peitsche einzusetzen.

Vor zwei Jahren wurde hier eine Chance vertan. Libyens Verhalten hätte harte Worte und Sanktionen verdient, nachdem bulgarische Krankenschwestern zum Tode verurteilt worden waren, weil sie angeblich Hunderte libyscher Kinder mit Aids infiziert hatten. Stattdessen nutzte Sarkozy diese Episode, um sich als Retter zu gerieren und nebenbei lukrative Verträge für seine Atomwirtschaft abzuschließen, eine Erkenntnis, die wir einem der Söhne Gadhafis verdanken.

Der Schweizer Bundespräsident Hans Rudolf Merz lieferte ein weiteres Beispiel dafür, wie man sich im Umgang mit Gadhafi nicht verhalten sollte. Er war kürzlich nach Tripoli gereist, um dort einen demütigenden Kotau zu machen und sich für die "ungerechtfertigte Verhaftung" von Gadhafis Sohn zu entschuldigen. Der Sohn war in Genf von der Polizei festgenommen worden, weil er zwei seiner Bediensteten grün und blau geschlagen hatte. (Sprösslinge von Diktatoren verwandeln sich häufig in verwöhnte, selbstherrliche und grausame Playboys, die glauben, über jeglichem Gesetz zu stehen - man erinnere sich der Söhne Saddam Husseins). Die erhoffte Gegenleistung Libyens lässt immer noch auf sich warten; die Schweizer Techniker, deren Verhaftung Gadhafi angeordnet hatte, sind immer noch nicht frei. Eines hat Merz erreicht - zu Hause ist sein Ruf dahin.