War es ein erfolgreicher Schlag im Kampf gegen die Taliban oder ein folgenschwerer militärischer Fehler? Die Interpretationen des von der Bundeswehr angeordneten Luftangriffs bei Kundus könnten kaum unterschiedlicher sein: Auf der einen Seite Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), der weiterhin auf der Richtigkeit der Attacke beharrt und bestreitet, es habe zivil Opfer gegeben. Auf der anderen Seite die internationale Gemeinschaft und Politiker von SPD, Grünen und Linken, die den Angriff und die anschließende Informationspolitik des Verteidigungsministers scharf kritisieren.

So warf die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Ulrike Merten (SPD), Jung vor, den Bundestag nicht ausreichend zu informieren. Der Verteidigungsminister und sein Ministerium hätten eine Bringpflicht, sagte sie der Saarbrücker Zeitung. Der Minister erwecke den Eindruck, dass etwas vertuscht werde. Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sprach in der Bild am Sonntag von einem sehr schwerwiegenden und gravierenden Vorfall. Deshalb müssten deutsche und alliierte Stellen die Sache schnellstmöglich und gründlich aufarbeiten.

Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin forderte eine Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu dem Luftangriff, bei dem nach Jungs Angaben rund 50 Taliban und keine Zivilisten, nach Nato-Informationen aber bis zu 125 Menschen, darunter auch Zivilisten, getötet worden waren. "Das ist das Gegenteil des geforderten Strategiewechsels", sagte Trittin und warf Jung vor, das Ansehen Deutschlands schwer zu beschädigen. Der Kanzlerin, so Trittin weiter, könne es nicht gleichgültig sein, wenn Deutschland wegen des Angriffs in der EU isoliert werde.

Dies ist zunehmend der Fall: Einige EU-Außenminister haben den Einsatz kritisiert. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem "großen Fehler". Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bezeichnete den Angriff als "nicht hinnehmbar". Der schwedische Außenminister Carl Bildt sagte für die EU-Ratspräsidentschaft: "Wir gewinnen diesen Krieg nicht, indem wir töten."

Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, nannte die Tötung von Zivilisten unentschuldbar. Seine Fraktion beantragte eine Aktuelle Stunde im Bundestag. Der FDP-Verteidigungsexperte Jürgen Koppelin verlangte eine ehrliche Debatte über den deutschen Afghanistan-Einsatz. Es handele sich um einen Krieg.