ZEIT ONLINE: Wie ernst nehmen Sie die Terrorandrohung, die Bekkay Harrach alias Abu Talha in dem jüngst veröffentlichten Al-Qaida-Video ausspricht?

Guido Steinberg: Diese neue Drohung von Bekkay Harrach ist ernst zu nehmen, weil er mit der konkreten Ankündigung seine eigene Glaubwürdigkeit und die von al-Qaida aufs Spiel setzt. Er sagt, wenn die Deutschen am Sonntag bei der Bundestagswahl nicht richtig abstimmen und ihre Truppen nicht aus Afghanistan abziehen, dann wird innerhalb von zwei Wochen nach der Wahl ein Anschlag verübt werden. Es ist schwer vorstellbar, dass al-Qaida eine solche Drohung ausstößt, ohne dass eine Zelle bereits konkret in den Vorbereitungen für einen Anschlag steckt.

ZEIT ONLINE: Wie viele Unterstützer hat Abu Talha in Deutschland – ihm werden ja gute Kontakte zu Islamisten in Hessen und Niedersachsen nachgesagt?

Steinberg: Das ist die große Frage, die auch die Sicherheitsbehörden in Deutschland nicht beantworten können. Harrach hatte viele Kontakte in der hiesigen Dschihadistenszene. Viele sind bekannt, einige stehen vor Gericht, andere werden überwacht, aber ob darunter diejenigen sind, die für al-Qaida die Anschläge verüben sollen, weiß niemand. Man muss vor allem befürchten, dass einige der Männer, die in den vergangenen zwei Jahren nach Pakistan gereist sind und in Terrorcamps ausgebildet wurden, nun nach Deutschland zurückkehren. Mit dieser Furcht spielt Bekkay Harrach in dem aktuellen Video: Er spricht vor einem neutralen Hintergrund, er hat sich rasiert und europäisch gekleidet, er möchte offensichtlich bei uns die Angst wecken, dass er sich bereits in Deutschland aufhält.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es denn für wahrscheinlich, dass er das pakistanische Grenzgebiet verlassen hat?

Steinberg: Möglich ist das auf jeden Fall. Allerdings sind in Deutschland die Sicherheitsmaßnahmen schon seit einiger Zeit so hochgefahren worden, dass es nicht einfach ist, die Grenzen unbemerkt zu überschreiten, zumal Bekkay Harrach bei den Sicherheitsbehörden gut bekannt ist. 

ZEIT ONLINE: Experten warnten vor Anschlägen vor der Bundestagswahl. Wie sehr hat sich die Sicherheitslage Deutschlands verschlechtert?

Steinberg: Diese Drohungen zeigen, wie viel al-Qaida und Taliban daran gelegen ist, Druck auf Deutschland auszuüben, um einen Truppenabzug aus Afghanistan zu erzwingen. Die offene Frage ist, ob al-Qaida über die nötigen Ressourcen und Anhänger in Deutschland verfügt, um einen Anschlag zu verüben. Was wir nun das erste Mal erleben, ist eine konkrete Anschlagsdrohung, die mit einem Zeitrahmen versehen ist. Das ist sehr beunruhigend.