Nehmen Sie Platz: Die große Achterbahnfahrt der EU-Politik beginnt! Die nächsten drei Monate werden nervenaufreibend sein: Wir werden Höhen und Tiefen erleben, die in einigen Fällen einen Neubeginn, in anderen das Ende politischer Karrieren bedeuten können. Bis Weihnachten könnte die Europäische Union (EU) mit neuer Dynamik und neuem Vertrauen nach vorn preschen. Oder sie könnte in selbst-geißelnde Introvertiertheit verfallen. Wer würde das schon verpassen wollen?

Die Zukunft der EU wird ganz vom irischen Referendum über den Lissabonner Vertrag im Oktober abhängen. Mit einem "Ja" stünde einer Ratifizierung des Vertrages bis Weihnachten nichts mehr im Wege – vorausgesetzt Polens und Tschechiens Präsidenten stellen sich nicht quer. Das würde eine völlig neue Atmosphäre in Brüssel schaffen – und ein Gerangel um die neuen Spitzenpositionen auslösen.

Der Nummer-Eins-Posten wird der des Ratspräsidenten sein. Wird das für Tony Blair der Moment werden, um Europa zu retten? Oder werden sich die Regierungsoberhäupter doch für einen unbekannten Kandidaten entscheiden, aus Angst, im Schatten einer profilierten Persönlichkeit zu stehen?

Der Nummer-Zwei-Posten wird der des Hohen Repräsentanten der EU-Außenpolitik sein, der "EU-Außenminister". Seine Aufgabe wird es werden, von einem Krisengebiet zum nächsten zu reisen und für die EU zu sprechen – vermutlich die eine starke Stimme, nach der sich die EU so oft gesehnt hat. Jedoch würde nicht auch der Präsident genau das gerne tun? Ich sage für diese beiden Posten unruhigen Zeiten voraus!

Wenigstens in einer Frage ist man sich einig: Barroso wird weiterhin Präsident der EU-Kommission bleiben. Seine Ernennung sollte eigentlich schon Ende Juli unter Dach und Fach sein, aber das von den Sozialisten geführte Parlament verschob die Ratifizierung. Überraschenderweise nicht, weil es einen Alternativ-Kandidaten gegeben hätte – es gibt schließlich keinen anderen – sie wollten einfach mehr Bedenkzeit. Da Barroso bereits seit fünf Jahren Präsident ist, fragt man sich schon, was es noch zu überlegen gibt. Das ist typisch für die Linken in Europa: Aus Mangel an Ideen und ohne glaubwürdige Alternativen beschränken sie sich auf Posen und Augenwischerei.

Natürlich könnten die Iren, die mit ihrer Regierung höchst unzufrieden sind, auch mit "Nein" stimmen. Umfragen zeigen, dass die Unterstützer des "Ja"-Lagers tatsächlich weniger werden. Dann gäbe es keinen Streit um die EU-Posten. Stattdessen würde erneut ein Abschnitt voller Zweifel und Unsicherheiten beginnen. Der schwerfällige und völlig unzulängliche Vertrag von Nizza würde weiter bestehen und Entscheidungsfindungen zunehmend schwerer machen. Der Verlust an politischer Entscheidungskraft würde den EU-Erweiterungsprozess behindern und sogar Kroatiens Mitgliedschaft in Zweifel ziehen, ganz zu Schweigen von den Balkan-Staaten. Die EU könnte von gegenseitigen Beschuldigungen und kleinkarierten Eigeninteressen bestimmt werden. Ganz sicher würde die EU somit schlechter auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren können.

Der größte Verlierer wäre das Europäische Parlament, dem der Vertrag von Lissabon eine schöne neue Welt verspricht. Das im vergangenen Juni gewählte Parlament ist schwer einzuschätzen. Die Europawahl hat einen starken Rechtsruck bewirkt: Rechte, Populisten, Nationalisten, Anti-Europäer, Anti-Islamisten haben Einzug gehalten ins Parlament. Dieses Parlament wird sehr viel schwerer zu kontrollieren sein als bisher. Auch wenn die Rechten eine Mehrheit halten, sind sie keinesfalls so vereint, wie sie von der neuen Tory-Gruppierung Großbritanniens gerne dargestellt werden.