Sie war von Anfang an ein Star im Kabinett von Luiz Inácio "Lula" da Silva. Für Sympathie im In- und Ausland sorgte alleine schon der Lebenslauf von Marina Silva, der einer modernen Aschenputtel-Version gleicht: Eine bettelarme Kautschukzapferin aus dem Amazonas, die schon als Kind hart arbeiten muss, sich als 16-jährige Analphabetin schwer krank aufmacht in die Stadt, um dort geheilt und ausgebildet zu werden, und die schließlich 2002 aufsteigt zu Brasiliens Umweltministerin.

Wo Märchen normalerweise aufhören, begann für Silva ein harter Lernprozess in der Politik. Als "grünes Feigenblatt" stempelten Kritiker sie rasch ab, nachdem sie im Kabinett sich der wirtschaftsfreundlichen Technokraten-Clique beugen musste. Gesundheitliche Rückschläge aufgrund ihrer Malaria- und Hepatitiserkrankungen zwangen sie zu langen Pausen. Doch die zierliche Frau mit den dunklen Augenringen und dem strengen Haarknoten gab nicht auf, kämpfte weiter für ihren Regenwald und legte dabei durchaus politisches Geschick an den Tag: Sie erstritt Umweltschutzgebiete, stärkte die Umweltbehörde Ibama und brachte Abholzer hinter Gitter. Die englische Zeitung Guardian rechnete sie zu den 50 Persönlichkeiten, die dabei helfen können, den Planeten zu retten.

Bis es 2008 zum großen Zerwürfnis mit ihrem Mentor Lula kam. Der hatte sich seine Präsidialamtsministerin Dilma Rousseff, eine Vertreterin der Technokraten-Clique, zur Nachfolgerin auserkoren und sie mit dem Wachstumsbeschleunigungsprogramm PAC betraut. Ein rotes Tuch für Silva, denn das PAC umfasst ökologisch höchst umstrittene, milliardenschwere Infrastrukturprojekte wie Staudämme im Amazonas und Flussumleitungen im trockenen Nordosten. Mit den Worten "es ist besser, den Job zu verlieren als den gesunden Menschenverstand", nahm Silva den Hut.

Sie ging zurück in den Senat, in dem sie seit 1994 nur unterbrochen durch ihre fünf Ministerjahre sitzt. "Ich hatte das Glück, einiges zu erreichen", sagte sie kürzlich vor Journalisten in einem Rückblick. "Aber das ist längst nicht so viel, wie Brasiliens Umwelt eigentlich braucht." Doch sie resignierte nicht, selbst nicht, als Lula ein Waldgesetz absegnete, das faktisch die Abholzung Amazoniens im großen Stil erlaubt. Im August brach sie öffentlich mit Lulas Arbeiterpartei (PT), schloss sich den Grünen an und verkündete ihre Präsidentschaftskandidatur für die Wahlen im kommenden Jahr.

Nun sind die Grünen keine ernst zu nehmende politische Kraft in Brasilien, und auch das Umweltbewusstsein spielt im größten südamerikanischen Land eher eine marginale Rolle. Dennoch klingelten im Präsidentenpalast sofort die Alarmglocken. Auch wenn der 51-jährigen Mestizin keine wirklichen Chancen auf den Sieg eingeräumt werden, genießt sie wegen ihrer Gradlinigkeit viel Sympathie an der Basis und bei den Jungwählern – und könnte damit der technokratisierten, in Korruptionsskandale verstrickten PT wichtige Stimmen abspenstig machen.

Die Medien sehen bereits einen Zicken-Wettstreit um die Präsidentschaft heraufziehen. Möglicherweise ist das aber gar nicht Silvas Ziel. Mit ihrem Parteiwechsel erreichte sie nämlich, was ihr als Ministerin verwehrt blieb: Rousseff legte vor einigen Tagen bei einer Zwischenbilanz ihres PAC-Programms die Wirtschaftsstatistiken zur Seite und sprach plötzlich davon, wie wichtig der Schutz der Umwelt für Brasiliens Zukunft ist.