Der Ministerpräsident hat einen Star mitgebracht. Karl Theodor zu Guttenberg, politischer Heilsbringer aus Bayern, ist nach Elmshorn gekommen. "Guck mal, schon alles vollgeparkt hier und fast nur Opel", begrüßt Carstensen den Bundeswirtschaftsminister. Er führt ihn in den überfüllten Saal des Hotels, die Kapelle spielt auf: "Oh when the saints go marching in". Gospel-Musik in Schunkelmanier. Einige hundert Anhänger klatschen im Rhythmus, jubeln. Peter Harry Carstensen schüttelt Hände, scherzt. Er hat gute Laune.

Doch eben die könnte dem Ministerpräsidenten am 27. September zum Verhängnis werden. Denn er versuchte zuletzt auch dort noch mit Heiterkeit zu punkten, wo anderen das Lachen längst vergangen war. Zum Beispiel beim Thema HSH Nordbank. Sie kostete den Ministerpräsidenten nicht nur viel Ansehen und Vertrauen, sondern auch einen anerkannten Wirtschaftsminister: Werner Marnette, der wegen "unprofessionellen Krisenmanagements" bei der Landesbank im März zurückgetreten war, sorgt noch immer regelmäßig für Schlagzeilen. Während Carstensen von einer gelungenen Krisenbewältigung spricht, warnt Marnette vor Milliarden-Löchern und ließ diese Einschätzung jüngst durch eine Studie untermauern.

Dagegen wären die 2,9 Millionen Euro, die der HSH-Vorstandsvorsitzende Dirk Jens Nonnenmacher trotz staatlicher Hilfen als Bonuszahlungen kassierte, eigentlich Peanuts. Aber es geht längst nicht mehr um betriebswirtschaftliche Rechnungen, um konkrete Summen. Es geht um Moral.

"Der gehört entlassen, um es mal ehrlich zu sagen", ruft Ralf Stegner daher auf einer Wahlkampfveranstaltung in Ahrensburg, einer wohlhabenden Kleinstadt hinter der Stadtgrenze Hamburgs. Er kann sich darauf berufen, dass die SPD über die Sonderzahlungen an Nonnenmacher zwar informiert war, aber keine Zustimmung gab. Und er kann Carstensen, der in einem Brief das Gegenteil behauptete, der Lüge bezichtigen.

Das Verhältnis der beiden Politiker, das in den besten Zeiten ein professionell distanziertes war, ist mit der Affäre um Nonnenmacher auf dem Tiefpunkt angelangt. Und Stegner teilt genüsslich aus: Der Ministerpräsident habe in seinem Amt versagt und durch eine fingierte Vertrauensfrage den Koalitionsbruch herbeigeführt. Die SPD um Stegner war gegen Neuwahlen. Doch das mag weniger am Glauben an eine noch arbeitsfähige Große Koalition denn an den Prognosen gelegen haben. Schließlich lag der Spitzenmann der SPD in der Kandidatenfrage zu diesem Zeitpunkt 28 Prozentpunkte hinter dem Amtsinhaber aus der CDU.

Seitdem läuft Stegner zu Grönemeyers WM-Song "Zeit, dass sich was dreht" in die Wahlkampf-Arenen des Landes. Und es hat sich tatsächlich etwas gedreht. 42 Prozent für Carstensen, 33 Prozent für Stegner, prognostiziert Infratest dimap.

Doch Stegner weiß, dass noch lange nichts gewonnen ist. CDU und FDP haben zwar nach jüngsten Schätzungen prozentual ihre Mehrheit verloren. Sie hätten dank der voraussichtlichen Direktmandate aber dennoch mehr Sitze als SPD, Linke, Grüne und der von der 5-Prozent-Klausel befreite Südschleswigsche Wählerverband, SSW, zusammen.