Vor der Präsidenten-Stichwahl in Afghanistan bemüht sich die Regierung, einem erneuten Wahlbetrug vorzubeugen. Mehr als die Hälfte der Leiter aller Wahllokale im Land seien entlassen worden und würden ersetzt, sagte ein Sprecher der Vereinten Nationen am Mittwoch in Kabul. Es handele sich um Mitarbeiter der Wahlkommission, gegen die Beschwerden von Kandidaten oder Wahlbeobachtern vorlägen. Auf diese Weise solle die Glaubwürdigkeit der Wahlergebnisse nach der umstrittenen ersten Abstimmungsrunde wiederhergestellt werden.

Nach massiven Vorwürfen der Wahlmanipulation und erheblichem internationalem Druck stellt sich der afghanische Präsident Hamid Karsai einer Stichwahl. Die von der Regierung eingesetzte Wahlkommission hatte am Dienstag mitgeteilt, Karsai habe knapp die 50-Prozent-Marke verfehlt und sei damit nicht im ersten Wahlgang vor zwei Monaten im Amt bestätigt worden. Die Afghanen sollen nun am 7. November die Wahl zwischen Karsai und dessen stärkstem Herausforderer Abdullah Abdullah haben.

Die Staatengemeinschaft reagierte durchweg mit Erleichterung auf Karsais Einlenken. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, der zweite Wahlgang werde einen "entscheidenden Beitrag zur Legitimität des demokratischen Wahlprozesses in Afghanistan leisten können". Zugleich ermutigte sie die afghanischen Wähler, nun erneut zur Wahl zu gehen. "Für die Zukunft des Landes ist es von großer Bedeutung, dass sie ihre Stimme ein weiteres Mal abgeben." US-Präsident Barack Obama sagte, Karsai habe "einen wichtigen Präzedenzfall für die neue Demokratie Afghanistans" geschaffen. Obama sicherte dem afghanischen Volk die Unterstützung der USA bei dem neuen Wahlgang zu.

Die EU begrüßte die Entscheidung für einen zweiten Wahlgang ebenfalls. In einer Erklärung der schwedischen Ratspräsidentschaft hieß es aus Stockholm, die Union sei zufrieden darüber, dass die Wahlkommission Unregelmäßigkeiten und Betrug im ersten Wahlgang aufgedeckt habe. Im zweiten Wahlgang werde auch die EU den Prozess genau beobachten.

Allerdings sieht die EU Probleme bei der Entsendung von Beobachtern. Der amtierende Ratspräsident und schwedische Außenminister Carl Bildt sagte am Mittwochmorgen im Rundfunk in Stockholm, es sei unmöglich, bis zum 7. November eine große Zahl von Wahlbeobachtern zu mobilisieren. Außerdem sei die Sicherheitslage in südlichen und östlichen Landesteilen "außerordentlich schwierig". Deshalb müsse man damit zu rechnen, dass die EU-Länder weniger Wahlbeobachter als zur ersten Runde im August entsenden.

Karsai erklärte: "Die Menschen in Afghanistan haben die erste Runde der Wahl gewonnen, und ich gratuliere ihnen." Nun hätten die Afghanen eine weitere Möglichkeit, ihren Präsidenten zu wählen. Karsai wies eine Regierung der Nationalen Einheit mit dem Abdullah-Lager zurück. "Eine Koalitionsregierung zu bilden ist nicht möglich", sagte er. "Sie hätte keinerlei Legitimität." Der Sprecher von Ex-Außenminister Abdullah, Sayed Fasel Schangcharaki, sagte: "Wir begrüßen die zweite Wahlrunde und sind vollauf bereit, uns daran zu beteiligen."