ZEIT ONLINE: Herr Dörner, Sie haben gerade ein Flüchtlingslager auf Malta besucht. Was haben Sie dort erlebt?

Frank Dörner: Der Besuch hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Das ganze System beruht darauf, bei den ankommenden Flüchtlingen einen abschreckenden Eindruck zu erzeugen. Das Lager sieht aus wie ein Gefängnis: Das Gebäude ist ein Betonklotz, mit Gittern vor den Fenstern, Nato-Draht darum und es liegt am Rand einer Militäranlage. Die Botschaft an die Flüchtlinge ist: Ihr seid hier nicht willkommen.

ZEIT ONLINE: Auch in Deutschland sehen die Asylbewerber-Unterkünfte zum Teil aus wie Gefängnisse. Was ist das Besondere auf Malta?

Dörner: Malta ist ein Felsbrocken mitten im Meer. Die Flüchtlinge kommen von dort nicht weg und die Insel ist nicht sehr groß. Die Insel ist mit den Flüchtlingen überfordert. Nach sechs bis acht Monaten werden die Neuangekommene aus den großen Auffanglagern in Camps verlegt. Dort leben sie in Containern oder in Mannschaftszelten der Armee. Die Menschen sitzen bei 35 Grad unter einfachen Planen. Die hygienischen und sanitären Bedingungen sind nicht tragbar.

ZEIT ONLINE: Ärzte ohne Grenzen hatte die Arbeit auf Malta vorübergehend eingestellt. Warum ist Ihre Organisation zurückgekehrt?

Dörner: Wir hatten einen Bericht über die katastrophalen Bedingungen dort veröffentlicht. Da die Behörden unsere Arbeit danach behindert haben, mussten wir die Arbeit aufgeben. Da sich auf Malta aber keine andere Organisation um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge kümmert, sind wir zurückgekehrt. Ärzte ohne Grenzen ist in einem von drei großen Auffanglagern für Neuankömmlinge tätig. Wir kümmern uns momentan fast ausschließlich um Menschen aus Somalia.

ZEIT ONLINE: Die Somali kommen aus einer Region, in der sich seit Jahrzehnten ein brutaler Bürgerkrieg abspielt. Welche Hilfe brauchen diese Flüchtlinge?

Dörner: Die Menschen, die den langen Weg überhaupt geschafft haben, brauchen nach der Ankunft dringend medizinische und psychologische Betreuung. Es kommen traumatisierte Menschen, manche haben chronische Erkrankungen. Unter den Flüchtlingen sind auch Schwangere und Kleinkinder. Viele sind direkt vor Kämpfen geflohen. Es gibt keinen Flüchtling, der nicht Schlimmes erlitten hat.

ZEIT ONLINE:Menschenrechtsgruppen kritisieren den Umgang mit den Flüchtlingen in Südeuropa. Was sind die Probleme auf Malta?

Dörner: Die meisten Flüchtlinge wissen überhaupt nicht, welche Rechte sie haben und was mit ihnen passieren wird. Sie leben von der Außenwelt abgeschnitten und sind auf die Informationen angewiesen, die ihnen die Mitarbeiter in den Lagern geben. Es ist für sie kaum zu durchschauen, wie Asylanträge gestellt werden. Sie bekommen dabei viel zu wenig Hilfe.

ZEIT ONLINE: Sie kennen auch die Lage in Griechenland und wissen über die Verhältnisse in Italien Bescheid. Ist Malta ein Negativbeispiel beim Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika?

Dörner: Nein, Malta ist nur ein Beispiel, wie es generell in Europa aussieht. Ob die Flüchtlinge nun auf Lampedusa, in Patras oder auf Malta landen, spielt kaum eine Rolle. Überall werden sie menschenunwürdig behandelt. Auf Malta haben wir momentan aber nur sehr begrenzten Zugang zu den Flüchtlingen. Der Umgang mit den Flüchtlingen ist ein Thema für ganz Europa. Viele Länder schieben ihre Verantwortung auf Drittländer ab.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung?

Dörner: Deutschland muss sich zu seiner Verantwortung für Flüchtlinge bekennen. Die Regierung darf nicht zulassen, dass Flüchtlinge nach Libyen abgeschoben werden – ein Staat, der wegen den Menschenrechtsverletzungen dort zu Recht kritisiert wird. Wir fordern mehr Engagement der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage.

Die Fragen stellte Hauke Friederichs

Frank Dörner ist Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. Er besuchte Flüchtlingslager auf Malta und hat in Griechenland die Lebensbedingungen von Flüchtlingen studiert.