ZEIT ONLINE: Sie waren gerade für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) drei Wochen in Afghanistan und haben Schlafmohnanbauern besucht. Warum treffen Sie sich mit den Opiumproduzenten?

Thomas Hartmanshenn: Wir müssen den Mohnanbau in Afghanistan verstehen, damit wir etwas gegen die Drogenproduktion tun können. Die GTZ arbeitet für die Europäische Union im Osten des Landes an der Schaffung von Alternativen zum Mohnanbau. Wir erstellen momentan eine Studie, in der 280 Bauernfamilien zu Wort kommen. Wenn sie bei den Bauern zu Hause sitzen und die zweite Tasse Tee getrunken haben, sprechen die mit ihnen über alles und verraten auch, warum sie den Schlafmohn anbauen – oder auch, warum sie damit aufgehört haben.

ZEIT ONLINE: Warum bauen die Bauern denn sonst Schlafmohn an, wenn nicht des Geldes wegen?

Hartmanshenn: Den Bauern, die Schlafmohn anbauen, geht es nicht nur um eine Gewinnmaximierung. Die Einnahmen aus dem Opiumgeschäft scheinen zum Teil die einzige Möglichkeit zu sein, die Existenz, das Überleben der Familie zu sichern. Denn wenn wie so oft die Getreideernte im Sommer schlecht ausfällt, reicht der Winterweizen nicht aus, um Menschen und Vieh am Leben zu erhalten. Die Bauern brauchen den Erlös einer zweiten Ernte.

ZEIT ONLINE: Das afghanische Drogensystem sieht sehr professionell aus, zumindest den Hintermännern geht es nur ums Geld. Wenn ein Bauer aufhört, Schlafmohn anzubauen, findet sich dann nicht schnell ein neuer?

Hartmanshenn: Unser Ziel ist, die Armut zu bekämpfen und zu verhindern, dass die Bauern auf die Opiumgewinnung angewiesen sind. Dabei spielt uns der gesunkene Preis für Mohn und der gestiegene Erlös für Weizen in die Karten. Das Geschäft mit dem Schlafmohn läuft in den vergangenen Jahren schon viel schlechter, und der Anbau ist weniger attraktiv. Denn der Preis für Rohopium sank in Afghanistan von 220 Dollar pro Kilo im Jahr 2004 auf 55 Dollar aktuell.

ZEIT ONLINE: Die GTZ will also die legalen Einnahmen der Bauern verbessern, wie kann das aussehen?

Hartmanshenn: Im Auftrag der Europäischen Kommission und der Bundesregierung setzt die GTZ alles daran, dass die Bauern die Sommerernte sicher einfahren können – unter anderem durch eine bessere Bewässerung der Felder. Wenn wir den Bauern helfen, dass sie sicher mit zwei Ernten im Jahr rechnen können und sie genug Futter für die Wintermonate einlagern können, dann brauchen sie keinen Schlafmohn anzubauen. Das hat dazu beigetragen, dass die Provinzen Badakhshan und Nangarhar heute nahezu drogenfrei sind. Dort haben vor drei Jahren noch mehr als 30.000 Familien Schlafmohn angebaut.