Europas Sozialdemokratie steckt in einer tiefen Krise. Und das nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Fast alle großen sozialdemokratischen Parteien haben in den Europawahlen dieses Jahres extrem schlecht abgeschnitten. Diese Resultate sind klare Indikatoren für das Ausmaß der Krise, die zweifellos akut und weitreichend ist.

Jedoch herrscht eine allgemeine Verwirrung über die Entstehung dieser Krise, und wie man zwischen ihren nationalen und internationalen Komponenten unterscheiden kann. Natürlich gibt es jeweils länderspezifische Krisenursachen – diese erklären jedoch nicht den allgemeinen Trend. Wie also können die europaweiten Problemen der Sozialdemokratie begriffen werden?

Der Kern des Problems liegt bereits am Anfang der Analyse. Die kritische Frage lautet nicht wieso Sozialdemokraten Wahlen verlieren, sondern vielmehr warum die Bürger sie überhaupt wählen sollten. Diese Frage umzudrehen macht einen großen Unterschied: Denn dann wird es zwingend nötig positive Argumente für die Sozialdemokratie zu liefern und seine Analyse nicht nur auf die Untersuchung der schlechten Wahlergebnisse zu begrenzen.

Wenn man nur verengt nach Gründen für Wahlniederlagen sucht, wird implizit vom Status Quo ausgegangen und auf begrenzte Erklärungsmöglichkeiten für Misserfolge geschaut. Wenn jedoch positive Argumente für die Sozialdemokratie geliefert werden sollen, muss man sich auf die Grundlagen besinnen und die Fehleranalyse von dort aus aufbauen. Man bewegt sich also vom Großen zum Kleinen statt vom Kleinem zum Großen. Die Frage lautet dann nicht mehr, warum so viele "sozialdemokratische Ehen" geschieden werden, sondern vielmehr, warum man sich in erster Linie in die Sozialdemokratie verlieben soll.

Ein eingeschränkter analytischer Fokus auf Wahlergebnisse ist nichts Neues. Besonders in den 1990ern und dem frühen 21ten Jahrhundert haben Sozialdemokraten ihr Augenmerk zunehmend auf das Bilden von Wählerkoalitionen gelegt und das Entwickeln politischer Alternativen vernachlässigt. Politikwissenschaftler beschrieben das als Wandel von einer Politik-Fokussierten hin zu einer Wahlstimmen-Fokussierten Strategie.

Diese Wahlstimmen-Fokussierte Strategie beruht darauf, mittels Interessenpolitik bestimmte Wählergruppen anzusprechen – die Neue Mitte, Middle England oder wie auch immer man sie nennen mag. Diese Strategie basierte jedoch auf einem fundamentalen Irrglauben: Dem Konzept des rationalen Wählers, der seine Stimme ausschließlich nach Eigeninteressen abgibt.

Wie in der Volkswirtschaftslehre, ist der Mythos der rationalen Entscheidung als Leitprinzip menschlichen Verhaltens auch in der Politikwissenschaft weit verbreitet. Nur wenige Analysten, besonders in Europa, sind gewillt diese falsche Annahme – dass Wähler beim Gang zur Wahlurne prinzipiell das Maximieren ihres Eigeninteresses im Sinn haben – in Frage zu stellen. Es gibt jedoch auch Kommentatoren, die eine andere Auffassung haben.