Drei Wünsche hat Amerikas Verteidigungsminister an die Verbündeten in Afghanistan: mehr Engagement, mehr Geduld, mehr Opferbereitschaft. Als Robert Gates dies sagte, schaute er seinem deutschen Amtskollegen in der ersten Zuhörerreihe scharf in die Augen.

Es war klar, was der Amerikaner damit meinte: höhere Kampfbereitschaft auch der Bundeswehr. Denn wenige Sätze zuvor hatte er auf dem Halifax-Forum, einer vom German Marshall Fund organisierten internationalen Sicherheitstagung, geradezu überschwänglich dem Gastgeber gedankt. Die Kanadier, lobte er, hätten im heftig umkämpften Süden Afghanistans hohe Opfer gebracht – geradezu beispielhaft.

Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg wich dem gestrengen Blick nicht aus. Schon am Tag zuvor hatte der Deutsche in flüssigem Englisch in Washington verkündet: Eine Neujustierung des deutschen Einsatzes am Hindukusch sei durchaus möglich. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, sei die Bundesrepublik "normaler" geworden – und "mit Normalität komme auch Verantwortung". Für den neuen Verteidigungsminister bedeutet "Verantwortung" allerdings nicht, sich aus gefährlichen Situationen und Kriegen möglichst herauszuhalten. Denn manchmal könne Nichtstun durchaus "moralisch falsch" sein.

Was das konkret für die Bundeswehr in Afghanistan heißt, verriet der Freiherr allerdings nicht. Kein Wort darüber, ob deutsche Soldaten künftig auch in den brandgefährlichen Süden und Südosten entsandt werden sollen. Nur soviel sagte er: Über eine Anpassung der deutschen Strategie werde man erst nachdenken, wenn die Amerikaner selber entschieden hätten, wohin die Afghanistanreise gehen solle.

In Halifax ging es um fast alles, was die Welt heute unsicher macht: um Nordkorea und den Mittleren Osten, um internationalen Drogenhandel und die Angst vor einer Pandemie namens Schweinegrippe. Doch im Vordergrund des Interesses stand natürlich Afghanistan, denn bald nach dem Feiertag Thanksgiving wird US-Präsident Barack Obama die Richtung weisen.

Der republikanische Senator John McCain mahnte den Präsidenten zur Eile. Amerika könne sich ein längeres Abwarten nicht leisten, sagte er, der Blutzoll sei zu hoch. Kein Wort verlor Obamas Konkurrent aus dem Wahlkampf allerdings darüber, dass der Blutzoll möglicher Weise noch höher ausfallen könnte, sollte der Präsident McCains Rat folgen und mindestens 40.000 weitere Soldaten nach Afghanistan schicken.

US-Verteidigungsminister Gates, ebenso Republikaner, verteidigte die Weile seines Präsidenten. Eine solch weitreichende und einschneidende Entscheidung müsse wohl überlegt sein und dürfe niemals übers Knie gebrochen werden. Was er damit meinte, aber nicht explizit sagte: Allzu oft hat sich Amerika in den vergangenen vierzig Jahren kopflos in einen Krieg gestürzt. Die Folgen der Eile waren fatal.

Wer in Halifax, der sturmumtosten Hafenstadt am Atlantik, die Ohren aufsperrte, konnte leise heraushören, in welche Richtung Obama denkt. Auffällig oft redeten seine Berater von einer "Regionalisierung" der Sicherheit in Afghanistan. Davon sprach auch Senator John Kerry, ein Obama-Vertrauter, nach seiner Rückkehr von einer Reise ins Kriegsgebiet.

Gemeint ist damit: Man will Provinz für Provinz vorgehen, dort lokale Sicherheitsbündnisse mit Clanfürsten schließen und einheimische Polizeitruppen und Armeeeinheiten ausbilden. Geht das gut, wird die Region den Afghanen zur Selbstverwaltung übergeben.

Die Idee einer freiheitlichen Demokratie am Hindukusch, gestanden Gates und Guttenberg sowie Kanadas Verteidigungsminister Peter MacKay in Halifax ein, habe man längst zu den Akten gelegt. Das vorrangige Ziel in Afghanistan sei Ordnung, das heißt einigermaßen geregelte Verhältnisse, die vor allem eins verhindern: die Rückkehr der Terroristen.