Es gibt Fehler im Leben eines Politikers, die vergisst man nicht so leicht. Sie mögen verblassen nach einer gewissen Zeit, aber dann plötzlich kehrt die Erinnerung an sie doch wieder zurück, sie sind wieder da wie ein Albtraum.

Guido Westerwelles Albtraum war mehr als sieben Jahre verschüttet. An diesem Montag ist er zurückgekehrt. Westerwelle steht mit gebeugtem Kopf in der "Halle der Erinnerung" in Jerusalem. Hier, in der Gedenkstätte Jad Vaschem, hält Israel den Mord an sechs Millionen Juden durch die Deutschen im Gedächtnis der Welt wach. Westerwelle hat ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf, die jüdische Kippa. Seit knapp drei Wochen ist er Deutschlands Außenminister und wird jetzt gleich die ewige Flamme entzünden und einen Kranz ablegen. Alle seine Vorgänger haben das in den letzten Jahrzehnten getan. Es ist etwas Besonderes und dennoch auch so etwas wie ein Routinegang, eine Ehre erweisende Selbstverständlichkeit für deutsche Spitzenpolitiker.

Für Guido Westerwelle ist es mehr. Denn in diesem Moment, in dem er sich nach vorne beugt und das kleine Eisenrad nach rechts dreht, wird nicht nur die Flamme entfacht. Es werden auch die Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit wieder wach. Wie er als ganz junger Mann auf den Golan-Höhen stand und die Angst der Israelis vor den Angriffen der Araber verstand. Wie er es dann später, 2002, nicht vermochte, als Vorsitzender der FDP den Landesvorsitzenden seiner Partei in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Möllemann, in dessen antisemitischem Populismus-Wahlkampf zu stoppen. Wie er es hinnahm, dass Möllemann den Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Michel Friedman, beschimpfte – "Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art" –, wie er Möllemanns Angriffe sogar rechtfertigte. Und wie er damit sich selbst und seine liberale Partei dem Verdacht aussetzte, auf dem Rücken Israels im braunnationalen Sumpf und mit antisemitischen Klischees deutsche Wählerstimmen zu ködern. Eine Unverzeihlichkeit für eine demokratische Partei im Nachkriegsdeutschland wie die FDP. Und ein Makel, der seither an ihrem Vorsitzenden klebt.

Zwei Tage hat sich Guido Westerwelle jetzt Zeit genommen, um sich von ihm zu befreien. Nach Warschau, Paris und Washington durften Tel Aviv und auch Ramallah auf keinen Fall im Reigen seiner ersten Antrittsbesuche fehlen. Jeder soll sehen, dass er nicht mehr der junge unbedarfte FDP-Mann mit der 18 unter den Schuhsohlen ist. Dass er seinen Fehler erkannt hat. Niemand soll fortan noch den Verdacht hegen können, dass den Außenminister Guido Westerwelle keine lauteren Motive treiben, wenn er sich auf internationalem Parkett mit dem Konflikt im Nahen Osten auseinandersetzt. Zum Beispiel, wenn er Israel und Deutschland "ehrliche Freunde" nennt und damit meint, dass sich solche Freunde auch mal ehrlich die Wahrheit sagen dürfen. Über den fortschreitenden Bau von Wohnsiedlungen etwa, mit dem die israelische Regierung die Palästinenser seit Jahren reizt und den Friedensprozess. Dann soll keiner behaupten können, die Kritik habe wohl weniger aktuell politische denn antisemitische Hintergründe.

Als Westerwelle am Montagmorgen in Berlin ins Flugzeug steigt, spielt er die ganze Sache von damals erst einmal herunter. Alles eine medieninszenierte "innenpolitische Debatte", winkt er ab. Soll man doch mal die Israelis fragen. Kein Mensch wisse dort, wer Jürgen W. Möllemann war. Und wer kann sich schon erinnern an Namen wie Jamal Karsli, jenen einstigen Ex-Grünen, der ebenfalls im Jahr 2002 vor allem durch israelfeindliche Äußerungen auffiel und dem Möllemann damals den Weg in die nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktion ebnete?

Doch so gleichgültig er auch tut, Westerwelle ist sich sehr wohl bewusst, dass diese Reise als Außenminister nach Israel seine bislang wichtigste sein wird. Ein unbedachtes Wort, eine falsch zu verstehende Geste, und die Sache von damals ist wieder auf der Tagesordnung. "Westerwelle tritt wieder daneben": Es sind Schlagzeilen wie diese, die er ein für allemal ins Reich der Vergangenheit abschieben will. Er scheint sich zu häuten, dieser Politiker namens Guido Westerwelle. Wieder einmal. Ganz gleich, was er vorher auch immer gewesen ist. Ab Mittwochmorgen, wenn er wieder in Berlin ist, will er ein Außenminister sein, der sich unbelastet von seiner eigenen Vergangenheit der Lösung von Weltkonflikten zuwenden kann.