Frage: Senator McCain, Präsident Barack Obama muss in diesen Tagen entscheiden, ob er noch mehr US-Soldaten nach Afghanistan schicken will. Warum kritisieren Sie, dass er sich Zeit nimmt und gründlich abwägt, bevor er einen womöglich schicksalhaften Beschluss fällt?

John McCain: Ich habe zwei Einwände. Zum einen hat Präsident Obama erst im März einen neuen Kurs verkündet. Da hat er dem amerikanischen Volk erklärt, die damalige Truppenverstärkung sei Teil seiner Strategie. Wenige Monate sind seither vergangen, und nun tobt schon wieder eine Debatte. Dabei werden ständig geheime Unterlagen bekannt, darunter sogar vertraulichste Depeschen unseres Botschafters in Kabul. Zugegeben, das alles ist nicht unbedingt Obamas Schuld. Aber dieses Theater sendet das gefährliche Signal an Freund und Feind aus, dass Amerika schwankt und zaudert.

Frage: Und zweitens – was besorgt sie noch?

McCain: Außerdem verunsichert die Debatte inzwischen sogar unsere Männer und Frauen in Uniform. Ich war neulich beim Begräbnis der Opfer des Amoklaufs in Fort Hood – und da fragen mich dann einfache Soldaten: ‚Unsere Kameraden kämpfen und sterben da drüben. Gehen wir mit Verstärkung rein – oder ziehen wir ab?' Die Lage verschlechtert sich - und das heißt: mehr Soldaten sterben. Diesen Trend müssen wir brechen. Oder rausgehen. In solch einer Lage wünschte ich mir, der Präsident würde seine Entscheidung nicht über Monate hinauszögern. Aber OK, ich höre, der Präsident will sich nach Thanksgiving endlich entscheiden. Also nächste Woche.

Frage: Kritiker warnen, Obama laufe Gefahr, wie einst Präsident Johnson immer mehr Truppen zu schicken und die USA wie in Vietnam in einen heillosen Krieg zu verstricken. Stimmt der Vergleich?

McCain: Vergleiche mit früheren Kriegen sind immer relevant. Aber vieles hängt davon ab, wie man diese Kriege deutet – und außerdem stehen dabei manchmal die Fakten im Weg. Fakt ist doch dies: Als die Nordvietnamesen am Ende in Südvietnam einmarschierten – übrigens mit massiver Hilfe Russlands und Chinas – da gab es im ganzen Land keine amerikanischen Soldaten mehr. Wir waren längst abgezogen, aber das verschweigt die Linke gern.

Oder nehmen Sie den Irak: Zunächst wurde der Krieg völlig falsch geführt. Donald Rumsfeld machte dieselben Fehler wie anfangs in Vietnam. Doch dann hatte Präsident George W. Bush den Mut, General Petraeus mit dem Surge, also einer massiven Truppenverstärkung, zu beauftragen. Der Surge hat im Irak funktioniert. Das kann und wird auch in Afghanistan klappen – wenn wir genügend Soldaten schicken! Und wenn wir zugleich unseren Feind überzeugen, dass wir erst unseren Auftrag erfüllen, bevor wir irgendein Datum für den Abzug verkünden.

Frage: KannAmerika seine Nato-Partner überzeugen, dabei mitzumachen?

McCain: Ich glaube schon. Die Nato-Verteidigungsminister haben doch bereits ihre Unterstützung für die neue Strategie erklärt. Und wir reden bereits mit unseren Verbündeten über ihre Beiträge. Diese Beiträge mögen zahlenmäßig nicht groß sind, aber sie sind ein wichtiges Signal der Unterstützung.