Vor der in Kürze erwarteten Erklärung Barack Obamas zur künftigen Militärstrategie der USA in Afghanistan ist der Präsident erneut mit seinen engsten Sicherheitsberatern zusammengetroffen. Am neunten Treffen dieser Art im Weißen Haus nahmen laut Medienberichten unter anderem Vizepräsident Joe Biden, Verteidigungsminister Robert Gates und Generalstabschef Mike Mullen teil. Der Oberbefehlshaber der Truppen in Afghanistan, General Stanley McChrystal, und der Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, seien telefonisch zugeschaltet worden, hieß es unter Berufung auf Regierungskreise. Bisher herrschte Stillschweigen über die Details des künftigen Vorgehens in Afghanistan.

Zurzeit sind rund 100.000 ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert, darunter rund 68.000 amerikanische. Für die mögliche Aufstockung der amerikanischen Truppen liegen vier Optionen auf dem Tisch, die laut New York Times die Entsendung von jeweils 10.000 bis 15.000, 20.000, 30.000 vorsehen – General McChrystal hatte gar die Entsendung von 40.000 Soldaten gefordert. Ganz so viele dürften es nicht werden. Laut New York Times haben Berater des Präsidenten unter den Entscheidern die Reaktionen auf eine Erhöhung der Truppenstärke von 20.000 auf 30.000 getestet.

Mit einer Erklärung des Präsidenten wird frühestens nach dem durch den Feiertag Thanksgiving verlängerten Wochenende gerechnet. "Die erste mögliche Gelegenheit wäre irgendwann nächste Woche", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, laut CNN. Bei dem Treffen am Montag sollte es Gibbs zufolge "nicht nur darum gehen, wie man die Leute dahin (nach Afghanistan) bekommt, sondern um die Strategie, sie da wieder rauszuholen".

Wie die Washington Post berichtete, wurden McChrystal und Eikenberry inzwischen aufgefordert, sich für Fragen des Kongresses in Washington in der kommenden Woche bereitzuhalten. Wie es hieß, dürfte der Auftritt der beiden vor Kongressausschüssen nach der erwarteten Erklärung des Präsidenten erfolgen.

Eine der Botschaften, die wir senden wollen ist, dass wir nicht ewig dort bleiben können
Ein Offizieller im Weißen Haus

McChrystal, der auch die Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf kommandiert, hat von Obama die Entsendung weiterer 40.000 Soldaten gefordert, um die Taliban besser bekämpfen und die Ausbildung der afghanischen Truppen voranbringen zu können. Dagegen hatte Eikenberry, selbst ehemals Oberbefehlshaber am Hindukusch, vor einer Truppenaufstockung gewarnt. Zuvor müsse die Regierung des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai die Korruption wirksam bekämpfen und weitere Maßnahmen zur Stabilisierung des Landes ergreifen.

Mit dieser Forderung ist er nicht allein. "Eine der Botschaften, die wir senden wollen ist, dass wir nicht ewig dort bleiben können", zitiert die New York Times einen Offiziellen. Ins Ungewisse hinein will keiner Truppen schicken oder Geld zahlen. Auch behindert die innenpolitische Lage in Afghanistan den Fortschritt. Die Frage sei, wie Amerika zahlen solle, wenn gar kein Kontakt zum afghanischen Partner bestehe, sagte die Sprecherin der Demokraten im Kongress, Nancy Pelosi.

Das Parlament muss Obamas Strategie billigen. Aber selbst in der eigenen Partei ist die  nicht unumstritten. Carl Levin, Demokrat aus Michigan, sagte, um die amerikanische Öffentlichkeit und den Kongress von seiner Strategie zu überzeugen, müsse Obama darlegen, inwieweit Afghanistan selbst mehr gegen Korruption und für seine Sicherheit zu tun gedenke. Ebenso wichtig ist Levin die Frage, ob die Taliban auf Gewalt verzichten und sich in die afghanische Gesellschaft integrieren lassen.

Es gibt aber auch offene Kritik: "Es wäre ein Fehler, unser Engagement zu verstärken", sagte David R. Obey, demokratischer Abgeordneter und Finanzpolitiker aus Wisconsin. Der Krieg in Afghanistan behindere die amerikanischen Bemühungen, die eigene Wirtschaft zu restrukturieren.

Unter Amerikanern in Afghanistan wird eine Erhöhung durchaus gutgeheißen, geradezu als notwendig angesehen. "Wir begrüßen jede Aufstockung", zitierte die New York Times einen dort stationierten Offizier. Das sei "dringend nötig in kritischen Regionen". Bleibe sie aus, werde sich an der Strategie nichts ändern, "aber das Risiko steigt".

Derzeit sieht es nach einer Verstärkung der Anstrengungen in Afghanistan aus. Auf Dauer wird das nicht so bleiben, wie sich bereits abzeichnet: Auch wenn er nicht offen davon spreche, gehöre eine Ausstiegsstrategie zu Obamas Überlegungen, sagen Offizielle im Weißen Haus.

Doch vorerst steigt der Druck auf Obama, sich zu erklären. "Das Militär ist ein wenig frustriert wegen der sich hinziehenden Entscheidung", sagte Senator Mitch McConnell aus Kentucky. "Es wird Zeit für Obama."