ZEIT ONLINE: Der Chef der Revolutionsgarden hat geschworen die Revolution zu liquidieren, diese "Kette der Konspiration" zu zerbrechen. Seit dem Sommer sind über hundert Menschen auf den Straßen umgebracht,  sechs zum Tode verurteilt worden. Aber der Aufruhr geht weiter. Ist das Regime heute, wo der Schah im Sommer 1978 war – ein halbes Jahr vor dem Sturz?

Abbas Milani: Es gibt viele Ähnlichkeiten. Wirtschaftskrise damals und heute, verschärft durch den Ölpreisverfall. Das Regime war gespalten, die Armee wollte nicht auf die Demonstranten schießen.

ZEIT ONLINE: Heute genauso?

Abbas Milani, damals ein 24 Jahre alter Politik-Professor an der Teheran-Universität, wurde 1977 ein Jahr lang im berüchtigten Evin-Gefängnis eingekerkert – zusammen mit den Größen der chomeinistischen Revolution wie Ajatollah Montazeri und den künftigen Präsidenten Rafsandschi. Heute leitet er das Iran-Programm und das "Iranische Demokratie-Projekt" an der Stanford Universität. © privat

Milani: Das Regime kann sich die Subventionen von Zucker bis Benzin nicht mehr leisten und beginnt zu kürzen. Wenn sie fallen, wird der Aufruhr auch den "kleinen Mann" erfassen. Das Regime ist unsicher geworden; es wird unberechenbar, ja bizarr. Beispiel Atomverhandlungen in Genf – von einem Extrem ins andere. Erst anscheinend Konzessionen, dann wird geleugnet, dass man sich überhaupt mit den Amerikanern getroffen hätte. Tatsächlich gab es mehrere, lang andauernde Gespräche. Das Regime verliert seine Zähne. Die wichtigste Parallele: Das Volk ist wütend und fühlt sich ermutigt. Der Auslöser unter dem Schah war der Kinobrand in Abbadan im August 1978. Heute ist es die Wahlfälschung.

ZEIT ONLINE: Der Schah hat die Nerven verloren auch weil er an Krebs litt. Hat dieses Regime auch Krebs?

Milani: Noch nicht, aber viele in der Führung halten den Status quo für tot; er kann nicht wieder belebt werden.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Milani: Erstens: Jüngst ist Imam Amoli als Protest zurückgetreten, gefolgt von Ajatollah Makaram, und beide waren bislang zuverlässige Stützen des Regimes. Zweitens kann man nicht dauerhaft den Willen von 14 Millionen Menschen unterdrücken, die selbst nach offiziellen Angaben für  Mussawi als Präsident gestimmt haben. Schließlich die neueste Einlassung von Rafsandschani, dem Vorsitzenden des Wächterrates...

ZEIT ONLINE: ...diesem ewigen Manövrierer...

Milani: ...und Opportunisten, der stets den Finger in den Wind hält. Doch just der hat in Meshad verkündet: Wenn die Leute uns nicht wollen, müssen wir packen und gehen.

ZEIT ONLINE: Was ist daran so bedeutsam?

Milani: Weil es diametral dem Konzept des Welajat-e Faqui, dem Staatsprinzip, widerspricht. Wörtlich übersetzt heißt das "Vormundschaft durch die Höchsten Rechtsgelehrten", wie bei einem unmündigen Kind. Legitimität komme aus göttlicher Quelle, nicht vom Volk. Da sagt also eine Größe des Regimes: Die Quelle ist das Volk.

ZEIT ONLINE: Rafsandschani glaubt, dass nun alles vorbei ist?

Milani: Nicht unbedingt. Dieser schlaue Fuchs will sagen, dass der Widerstand nicht gebrochen werden kann. Das Regime werde stürzen, wenn es sich nicht mit dem Volk arrangiert.

ZEIT ONLINE: So einfach? Das Regime hat die Revolutionsgarden (IRGC) hinter sich, einen riesigen und mächtigen militär-industriellen Komplex mit 150.000 hoch gerüsteten Kämpfern. Die haben alle ein ausgeprägtes Interesse am Bestehenden.

Milani: Der Schah hatte eine Armee mit 500.000 Mann. Hinterher sagte ein General: "Die ist weg geschmolzen wie Schnee an der Sonne." Wenn das IRGC nicht mehr vom Status quo zu profitieren glaubt, wird es nicht für ihn kämpfen. Es geht den Garden um die Besitzstandswahrung.

ZEIT ONLINE: Die Revolutionsgarden werden sich doch nicht auf die Seite der Revolution schlagen?