Gestern noch zog der gesamte Westen in Afghanistan unter der Flagge der Menschenrechte und Demokratie in den Krieg – und heute ist das alles schon vergessen. Es ist nur mehr von Stabilität die Rede, mehr könne man eben nicht erreichen in Afghanistan. Eben noch waren es Kämpfer für Demokratie, die Menschen in den Tod schicken wollten, um afghanische Frauen zu befreien. Jetzt nennen sie sich Realisten, die sich gerne auch mit Kriegsherren gemeinmachen, wenn sie denn nur "uns schützen" (wie beispielsweise im Kommentar des Kollegen Monath argumentiert wird). 

Der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nur das prominenteste Beispiel unter vielen. Gestern noch, als er ein verzweifelt nach Aufmerksamkeit heischender, einfacher Abgeordneter war, prügelte er den damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck dafür, dass er mit den gemäßigten Taliban reden wollte. Heute vertritt er mit großem Trara ebendiese Position. Ein Fall von fulminanter Wetterwendigkeit, der nach einer Erklärung verlangt.

"I face the world as it is"  hat US-Präsident Barack Obama bei seiner Friedensnobelpreis-Rede gesagt, um damit zu erklären, warum er, der für seine Bemühungen um den Frieden ausgezeichnet wurde, trotzdem gezwungen ist, gleich zwei Kriege zu führen, den einen, in Afghanistan, sogar noch zu eskalieren.  Es ist ein Wunder, dass Guttenberg, der sich immer gerne ins Kielwasser großer Geister wie Plato oder Henry Kissinger hängt, nicht auch gleich Obama hinterher gesprungen ist: "Weil die Welt eben so ist wie sie ist, werden wir mit den gemäßigten Taliban reden müssen!"  Das hätte Guttenberg sagen können. Es passte zu seinem Stil.

Diese realpolitische Wende – die in Wahrheit keine ist, dazu aber später – ist schnell erklärt. Der Westen will aus Afghanistan raus, so schnell wie möglich. Der Abzug aber darf nicht wie eine Niederlage aussehen, darum wird schon seit Längerem die Rhetorik heruntergefahren. Alles Hehre ist dahin, es bleibt nur mehr der schnöde Alltag, der in Afghanistan meist hässlich ist.  

Der Westen, das ist die Botschaft, hat es versucht, aber leider, leider sind die Afghanen nicht reif für unsere Hilfe. Sie wissen ja, Clanstruktur, Stammesgesellschaft und all das andere archaische Zeugs! Da müsse man eben leider, leider die eigenen Überzeugungen und Werte hintanstellen, Leuten die Hand schütteln und mit ihnen ins Geschäft kommen, denen man ansonsten weiträumig ausweichen würde.