ZEIT ONLINE: Die kanadische Regierung hat beschlossen, ihre Truppen bis 2011 aus Afghanistan abzuziehen. Fallen die Kanadier damit US-Präsident Obama und den Verbündeten in den Rücken?

Peter Schmidt: Nein, Kanada hat in Afghanistan einen hohen Preis bezahlt. 134 eigene Soldaten sind dort bislang ums Leben gekommen. Die Fahne ist quasi durchgehend auf Halbmast. Die Kanadier haben einen riesigen Schritt getan, indem sie ihre gesamte Verteidigungskultur geändert haben: von einer Nation, die – wie Deutschland – den Frieden bewahren wollte zu einer Nation, die bereit ist, Krieg zu führen. Ich denke, dass die Kanadier einen heiklen Punkt der Allianz getroffen haben, als sie die Verbündeten zu mehr Solidarität aufgerufen haben.

ZEIT ONLINE: Die Kanadier kritisieren also zu Recht die Lastenverteilung innerhalb der Nato?

Schmidt: Ja, und das gilt gerade auch mit Blick auf die Deutschen. Es sind ja nicht die kleinen Staaten wie die Niederlande oder Dänemark, sondern die großen europäischen Staaten, die sich eher die Sonnenseite in Afghanistan angeeignet haben und nicht die Schattenseiten.

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung will die Zahl der deutschen Soldaten in Afghanistan vorerst nicht erhöhen und sie auch nicht in den umkämpften Süden des Landes schicken. Aber was passiert, wenn die Kanadier 2011 abziehen: Wer füllt dann die Lücke im Süden?

Schmidt: Im Prinzip kommen dafür nur die Amerikaner in Frage. Die Franzosen haben Skepsis gezeigt, die Deutschen haben gerade wieder bewiesen, dass sie in dieser Hinsicht wenig flexibel sind. Aber genau diese Debatte um die Lastenverteilung im Bündnis wird nächstes Jahr anlaufen, und der Druck der Verbündeten auf die Bundesregierung wird zunehmen. Es gibt noch ein wenig Luft beim Mandat des Bundestags. Ich denke, wenn sich die Lage in Afghanistan nicht dramatisch verschlechtert, dann könnte die Bundesregierung einer Erhöhung um einige Hundert Soldaten zustimmen. Aber eine Ausweitung des deutschen Einsatzes auf den Süden wird sich politisch kaum vermitteln lassen.

ZEIT ONLINE: Auch im bisher ruhigeren Norden eskaliert die Lage zusehends. Gibt es etwas, das die Bundeswehr von den Kanadiern lernen kann?

Schmidt: Deutschland muss seine bisherige, überwiegend defensive Haltung ändern. Es reicht nicht mehr, den zivilen Aufbau in den Vordergrund zu stellen. Denn das hat den Taliban erlaubt, ihre Machtbasis auch im Norden zu stärken. Jetzt ist die Bundeswehr gezwungen, in der Fläche stärker offensiv vorzugehen. Wie weit sie da geht und gehen kann, ist die offene Frage.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie in der Bundeswehr die Bereitschaft, stärker offensiv zu operieren?

Schmidt: Ich habe öfter mit jungen Offizieren gesprochen, die durchaus bereit dazu sind. Die sagen: Ich bin Soldat und ich bin nicht dazu da, mich irgendwo zu verstecken, sondern ich muss ein Problem auch angehen können. Inwieweit das politisch tragfähig ist, ist schwer zu beurteilen. Allerdings wird das Engagement der Bundeswehr in der vorgelegten Entscheidungsgrundlage zur Mandatsverlängerung fast schamhaft versteckt. Auf diese Weise motiviert man keinen Soldaten, Gefährdungen auf sich zu nehmen.

ZEIT ONLINE: Steht den Deutschen das bevor, was die Kanadier schon erlebt haben: Dass sie immer häufiger gegen die Taliban kämpfen müssen, was fast zwangsläufig die Zahl der zivilen und eigenen Opfer steigen lässt, bis schließlich der innenpolitische Druck so groß ist, dass die Regierung einen Abzugstermin festgelegt muss?

Schmidt: Ja, diese Entwicklung ist nicht auszuschließen. Die militärische Auseinandersetzung mit den Taliban könnte sehr schnell stärker werden, und dementsprechend könnten auch die eigenen Opferzahlen steigen. Das kann man politisch nur überleben, wenn man eine öffentliche Debatte führt und den Leuten den großen politischen Rahmen erklärt. Denn der Preis eines schnellen Abzugs wäre einfach zu hoch.