Zwei Schauplätze, ein Thema: In Berlin und Brüssel wird heute über den Einsatz in Afghanistan diskutiert werden. Doch während es beim Treffen der Nato-Außenminister in der belgischen Hauptstadt vor allem darum gehen wird, welches Land nach der von US-Präsident Obama angekündigten Truppenaufstockung welche Last tragen will, kann oder muss, wird der Bundestag die Verlängerung des Isaf-Mandates beschließen, als hätte Obamas Strategie-Rede am Dienstagabend gar nicht stattgefunden.

30.000 zusätzliche US-Soldaten sollen in den kommenden Monaten an den Hindukusch geschickt werden. So hat es Obama vor Rekruten der West Point Militärakademie angekündigt. Damit werden die USA insgesamt 100.000 Männer und Frauen in Afghanistan stationiert haben. 10.000 zusätzliche Soldaten fordern die USA von ihren europäischen Verbündeten – auf die Hälfte wird es vermutlich am Ende hinauslaufen.

"Ich erwarte mindestens 5000 zusätzliche Soldaten von den anderen Ländern unserer Allianz und möglicherweise noch ein paar Tausend mehr", sagte Nato-Generalsekretär Rasmussen am Mittwoch der britischen BBC. Der Afghanistan-Einsatz sei kein Krieg der USA, er gehe alle Bündnispartner an. Polen sagte bereits 800 zusätzliche Soldaten zu, 500 Mann bekommen vom britischen Verteidigungsministerium den Marschbefehl. Frankreich könnte seine Truppen um 1500, Deutschland um 2000 Soldaten aufstocken. Das berichteten unterschiedliche Medien.

Doch so weit ist es noch nicht. Das neue Isaf-Mandat, das der Bundestag heute beschließen wird, und das ein Jahr gelten soll, wird exakt so viele Bundeswehrsoldaten umfassen wie das vorherige, nämlich 4500 Männer und Frauen.

Debatten über eine Truppenaufstockung scheut man im politischen Berlin. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mied das Thema bisher, so gut es ging. Schon seit jeher fürchtet die Bundesregierung US-Forderungen nach mehr Engagement in Afghanistan, derzeit aber kommen sie ungelegener denn je. Denn nach wie vor ist das Verteidigungsministerium mit den Aufräumarbeiten der pannenreichen Informationspolitik nach der Tanklaster-Bombardierung von Kundus beschäftigt. Eine öffentliche Diskussion um mehr Soldaten will man sich da nicht auch noch leisten, zumal der Einsatz von der Bevölkerung ohnehin mehrheitlich ablehnt wird.

Stattdessen hält man sich mit Treuebekundungen über Wasser: Regierungssprecher Ulrich Wilhelm verkündete gestern die Selbstverständlichkeit, dass Deutschland am Aufbau in Afghanistan auch künftig mitwirken werde. Weder beim Treffen der Außenminister noch bei einer Truppenstellerkonferenz am 7. Dezember im militärischen Nato-Hauptquartier werde über eine Aufstockung der deutschen Isaf-Kräfte entschieden. Neue Schritte würden erst nach der Afghanistan-Konferenz Ende Januar geprüft. Ob 2000 oder 2500 weitere Bundeswehrangehörige einen Marschbefehl erhalten könnten, oder deutlich weniger, dazu schwieg das Kanzleramt.

Andere fanden dagegen klare Worte: Der Bundeswehrverband wies die Forderung nach einer Aufstockung zurück. "Bevor über neue Truppen nachgedacht oder entschieden werden kann, muss eine ehrliche Bilanz der militärischen Lage und der zivilen Wiederaufbauerfolge gezogen werden", sagte der Vorsitzende des Verbandes, Ulrich Kirsch, der Leipziger Volkszeitung. Die Bundeswehr sei personell und materiell kaum in der Lage, weitere Kampftruppen für die Isaf bereitzustellen. SPD-Fraktionschef Frank Walter Steinmeier ging noch weiter. Der ehemalige Außenminister forderte die Bundesregierung auf, die Soldatenzahl nicht zu erhöhen, sondern zu reduzieren.