Es ist Frühsommer auf der Südhalbkugel der Erde – und wer wollte zwischen hellblauem Himmel, tosenden Wellen und goldgelbem Strand schon über den Klimawandel grübeln? Zukunftssorgen passen nicht recht zum australischen Lebensmotto, komme was wolle, gelassen zu bleiben. In Burleigh Heads, am südlichsten Zipfel von Queenslands Goldküste, ist die Natur oberflächlich betrachtet noch intakt. Sonnenhungrige, Schwimmer, Surfer, See-Kajakfahrer vergnügen sich auf feinstem Sand. Gut 50 Meter breit, erstreckt er sich schier endlos in Richtung Norden. Neun Pinien, jede rund 20 Meter hoch, bilden die Grenze zwischen dem Strand und seiner Promenade. Bei Temperaturen bis zu 32 Grad werfen sie einen willkommenen Schatten.

Ein schöner Schein, denn vor ein paar Monaten zeigte sich noch ein ganz anderes Bild. Da glich der Strand von Burleigh Heads einer Großbaustelle. Zu Jahresbeginn hatten heftige Stürme die oberen Sandschichten weggerissen. Die Wellen fraßen sich bis zum Wurzelwerk der wunderbaren Pinien. Für Wochen versperrten orangefarbene Plastikplanen den Zugang zum Meer. Arbeiter der Stadtverwaltung pumpten rund 70.000 Kubikmeter Sand von einem fünf Kilometer entfernten Fluss über eine Pipeline auf den gebeutelten Strand. Um die Pinien samt Promenade zu schützen, ließen die Arbeiter eine zehn Meter tief Mauer in den Boden ein. Inzwischen ist die Postkartenansicht wiederhergestellt. Umgerechnet 1,5 Millionen Euro haben Reparaturarbeiten die Stadt gekostet. Allein in diesem Jahr.

Gordon Williams steht mit seiner Tochter Dina auf einer Aussichtsplattform. Wie eine Burg ohne Zugbrücke wirkte das Konstrukt, zehn Meter über dem Strand thronend, als der Winterorkan hier zuschlug. "Sicher, das war schlimm", meint der Landwirt im Ruhestand, ein Mittfünfziger. Doch da könne man nichts tun, sagt Williams, der Klimawandel sei "ein Zyklus, der sich seit Tausenden von Jahren abspielt". Diese erdgeschichtliche Theorie hat in Australien viele Freunde. Auch dem 17-jährigen Tim Symonds, mit auffällig großem Tatoo auf dem linken Arm, gefällt diese Sichtweise: "Ich glaube nicht, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird", meint er. "Wir können die Naturkräfte nicht stoppen. Handeln müssen wir erst dann, wenn etwas passiert." Es ist eine eigenwillige Mischung aus Skepsis, Verharmlosung und demonstrativer Ignoranz, die viele Australier der Erderwärmung entgegenbringen.

Am Strand der Goldküste mag noch ein kühlender Seewind wehen – was sich jedoch im Inneren des Roten Kontinents klimatisch präsentiert, ist traurig und gespenstisch zugleich. Im November, dem letzten Frühlingsmonat, bildete sich hier eine Hitzeglocke mit Rekordtemperaturen bis 45 Grad Celsius, die selbst Küstenstädte wie Adelaide und Sydney schmoren ließ. Die Meteorologen maßen Werte um acht bis neun Grad über dem langjährigen Mittel. In mehreren Städten brach die Wasserversorgung komplett zusammen. Mitte Oktober, so früh wie nie zuvor, begann der Kampf der Feuerwehren gegen vielerorts aufflackernde Buschfeuer.

Ross Garnaut, Australiens renommiertester Klimaforscher, zeichnete bereits im vorigen Jahr ein Schreckensszenario für die Zukunft des heißesten Kontinents der Erde. Garnaut warnte vor der Zerstörung des Weltkulturerbes Great Barrier Reef, vor jährlich Tausenden Toten infolge häufiger Hitzewellen mit Temperaturen bis zu 50 Grad sowie der Verbreitung des Dengue-Fiebers. Und er prognostizierte das Aus für die Landwirtschaft in weiten Teilen Australiens. Kürzlich kritisierte er jene politische Kräfte, die die Klimapolitik von Premierminister Kevin Rudd unmittelbar vor der Konferenz in Kopenhagen zu blockieren wussten. Der neue Oppositionsführer Tony Abbott, ein Ziehsohn des früheren konservativen Regierungschefs John Howard, versammelte erfolgreich Klima- Skeptiker und ließ seine Mehrheit im Oberhaus des Parlaments gegen ein bereits im Detail ausgehandelte Emissionshandelsgesetz stimmen.

Rudd, der vor zwei Jahren nicht zuletzt als Kämpfer für einen besseren Umweltschutz ins Amt kam, unterzeichnete noch in seiner ersten Handlung das Kyoto-Protokoll. Im Falle eines Abkommens in Kopenhagen will der Sozialdemokrat CO2-Abgase seines Landes bis 2020 um 25 Prozent reduzieren. Doch derzeit sind ihm dafür die Hände gebunden. Zur Halbzeit der Kopenhagener Konferenz demonstrierten an diesem Wochenende in den australischen Großstädten Zehntausende für eine aktivere Rolle ihres Landes. Andere wollen genau das verhindern.