Etwa acht Millionen Chilenen sind am Sonntag zur Wahl eines neuen Präsidenten und des Parlaments aufgerufen. 20 Jahre lang wurde das Land von Mitte-Links-Bündnissen regiert. Umfragen zufolge wird es erstmals einen Sieg der Konservativen seit dem Ende der Pinochet-Diktatur geben.

Laut Erhebungen kann der konservative oppositionelle Kandidat Sebastián Piñera mit 44 Prozent der Stimmen rechnen. Damit würde der 60-Jährige zwar die für einen Sieg in der ersten Runde notwendige Mehrheit verpassen, hätte aber eine gute Ausgangsbasis für eine Stichwahl am 17. Januar. Als zweitstärkster Kandidat gilt der frühere Präsident Eduardo Frei, der von 1994 bis 2000 regierte. Mit 31 Prozent liegt er allerdings deutlich hinter seinem Herausforderer. Frei gehört zu der regierenden Koalition Concertación, die aus Christdemokraten und Sozialisten sowie zwei kleinerer Parteien besteht.

Der Wahlsieger tritt die Nachfolge der beliebten sozialistischen Präsidentin Michelle Bachelet an. Die erste Frau an der Spitze des Staates hat nach Umfragen die Unterstützung von fast 80 Prozent der Bevölkerung. Die chilenischen Gesetze schließen eine unmittelbare Wiederwahl aus. Aber sie hat bereits angedeutet, bei der nächsten Wahl im Jahr 2014 erneut antreten zu wollen.

Der 67-jährige Frei hatte angekündigt, die Sozialprogramme von Bachelet fortzuführen. Beobachter werfen ihm vor, sein eigenes Profil nicht genug zu schärfen. Die Farblosigkeit des Kandidaten sei ein Grund für die sinkenden Umfragewerte.

Der Rückstand der bisher regierenden Koalition Concertación erklärt sich aber auch durch die erstmalige Spaltung des Mitte-Links-Lagers. Der junge Kandidat Marco Enríquez-Ominami Gumucio, kurz Meo genannt, sagte sich von der Regierung. Auf seine Person entfallen laut Umfragen etwa 17 Prozent der Stimmen. Viele Wähler vor allem aus dem linken Lager, die mit der Politik der traditionellen Parteien unzufrieden sind, stellen sich hinter den 36-jährigen ehemaligen Film-Produzenten. Enriquez-Ominami brachte bei den etablierten Parteien im konservativen Chile Themen wie Schwulen-Hochzeit und Abtreibung ins Gespräch.

Die Konservativen stellen mit dem Multimillionär Sebastián Piñera einen starken Gegenkandidaten. Der 60-Jährige Piñera hat hat die Schaffung von einer Million neuer Arbeitsplätze versprochen. Zudem will er die Wirtschaftsleistung des Landes unter anderem über Steuervergünstigungen um sechs Prozent ankurbeln. Der Politiker, der auch als "chilenischer Berlusconi" bezeichnet wird, gilt als einer der 700 reichsten Menschen der Welt und besitzt unter anderem einen TV-Sender. Seine Gegner werfen ihm die Verstrickung von Kommerz und Politik vor. Wegen Piñeras Beteiligungen an Unternehmen wie der Fluggesellschaft LAN seien Interessenskonflikte vorprogrammiert. 

Ein Regierungswechsel würde nach Einschätzung politischer Beobachter keine dramatischen Änderungen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik nach sich ziehen. Auch die Concertación hat eine relativ konservative und auf Marktkräfte vertrauende Politik betrieben. In der Außenpolitik wird jedoch unter Piñera eine Abwendung von linksgerichteten Regierungen wie der in Venezuela und Bolivien und eine deutliche Aufwertung der Beziehungen zu dem konservativ regierten Kolumbien und vor allem zu den USA erwartet. 

Die Wahlbotschaften der Kandidaten unterscheiden sich nicht viel voneinander. Mit verschiedener Akzentuierung taucht bei allen Kandidaten die Bekämpfung der sozialen Ungleichheit, die Verbesserung der Bildungschancen, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die Verbesserung der Beziehungen zu den Nachbarländern Bolivien und vor allem Peru. Wirkliche Unterschiede zeichneten sich nur bei der Frage ab, wie Militärs und Polizisten für Verbrechen während der Pinochet-Diktatur bestraft werden sollen sowie bei der Reform der Verfassung, die ebenfalls ein Relikt der Diktaturjahre ist. Beides lehnt Piñera ab.

Gebt uns die Möglichkeit, die Dinge besser zu machen.
Kandidat Sebastián Piñera