Vor einem Jahr noch steckten die Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Europäischen Union in einer Krise. Nachdem Bundeskanzlerin Merkel und der französische Staatspräsident Sarkozy den Dalai Lama empfangen hatten, zeigten die Chinesen Europa die kalte Schulter. Jetzt aber besannen sie sich eines anderen. In der multipolaren Welt, die sie sich wünschen, möchten sie den europäischen Pol möglichst stark sehen.

Dies wurde bei dem China-Europa-Forum in Peking sehr deutlich, das eine Woche vor dem 12. EU-China-Gipfel in Nanking stattfand. Ministerpräsident Wen Jiabao empfing die europäischen Forumsteilnehmer im Regierungsviertel der Verbotenen Stadt zu einem anderthalbstündigen Gespräch. Dabei machte er ohne Umschweife klar: "Wir unterstützen die europäische Integration, weil wir glauben, dass die Welt vielfältig und multipolar sein soll." Er sprach von einer "umfassenden strategischen Beziehung", beruhend auf gegenseitigem Respekt.

Von der jüngst populär gewordenen Vorstellung, die Welt lasse sich von einer G-2-Verbindung Amerikas mit der Volksrepublik China lenken ("Chimerika"), rückte er eindeutig ab. Wen Jiabao gab dafür drei Gründe an. Erstens sei China trotz seiner jüngsten Entwicklung noch immer ein Entwicklungsland. Es brauche noch viel Zeit. Dieser Tatsache bleibe es sich in aller Nüchternheit bewusst. Zweitens: China verfolge eine unabhängige Friedenspolitik und gehe mit niemandem Bündnisse ein. Drittens: Die Weltprobleme sollten von allen Ländern gemeinsam behandelt und nicht bloß von zwei Staaten entschieden werden.

Trotz dieses Schwenks im Grundsätzlichen bleiben freilich mehrere Reibungspunkte im europäisch-chinesischen Verhältnis. Dies zeigte sich Anfang der Woche bei dem 12. Gipfeltreffen der EU mit China. Dabei ging es um strittige Handels- und Währungsfragen, bei denen die Ansichten keineswegs übereinstimmen. So drängen die Europäer auf eine Aufwertung des Renminbi, dessen politisch niedrig gehaltener Wechselkurs die europäischen Exporteure benachteiligt und für das Handelsbilanzdefizit der EU-Länder verantwortlich ist. Nach den Angaben Wen Jiabaos erreichte der europäisch-chinesische Handel im vergangenen Jahr ein Volumen von $ 420 Milliarden – 100 Milliarden mehr als der Handel zwischen China und den Vereinigten Staaten.

Ein weiteres Thema war auch der Klimaschutz. EU-Kommissionspräsident Barroso forderte die Chinesen auf, bis an ihre "äußersten Grenzen zu gehen". Die Volksrepublik erklärte sich auch bereit, den CO2-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zu 2005 pro Wirtschaftseinheit um 40 bis 45 Prozent zu senken. Dies heißt freilich, dass die chinesischen Emissionen bei anhaltend hohem Wirtschaftswachstum weiterhin steigen werden. Die Chinesen verweisen in diesem Zusammenhang darauf, Amerika produziere jährlich 20 Gigatonnen CO2 pro Person, Japan zwölf, die EU zehn, China fünf, Indien zwei und Afrika weniger als eine Gigatonne. Deswegen müsse bei der Kopenhagener Klimakonferenz nach dem Grundsatz "gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung" vorgegangen werden. Die reichen Länder seien verpflichtet, den Entwicklungsländern technische und finanzielle Hilfe zu leisten, damit diese ihre Klimaschutzziele erreichen können.

Trotz dieser Reibungsflächen blieb das Interesse der Chinesen sichtbar, mit den Europäern gemeinsame Interessen gemeinsam zu verfechten. Dazu gehöre es auch, den Protektionismus zu bekämpfen, Hightech-Exporte nach China zu erleichtern, das Weltfinanzsystem zu reformieren und den Entwicklungsländern unter die Arme zu greifen. Die deutschen Teilnehmer am EU-China-Forum zeigten sich damit durchaus einverstanden. Sie ermahnten die Chinesen jedoch, sich nicht ständig kritisiert und beleidigt zu fühlen. Die Menschenrechte, der Dalai Lama, die intellectual property rights, das Ungleichgewicht im Handel – all dies bedürfe des Dialogs. Dabei könne man in einer globalisierten Welt der Kritik keine Schranken setzen.