Der Kopenhagener Klimagipfel geht in seine zweite Woche, und weil zu jedem politischem Gipfeltreffen eine anständige Demonstration gehört, strömen nun aus all den vielen Seitenstraßen des Kopenhagener Schlossplatzes vor dem dänischen Parlamentsgebäude die Demonstranten. Diemal gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe für eine Demonstration – seit kurzem liegt ein Entwurf vor für zentrale Elemente des Klimavertrags. Für Kenner der Materie ist wenig überraschend, dass darin eine Forderung formuliert wird, die über die Resultate vergangener Klimagipfel hinaus geht. Die Vertreter wohlhabender Amerikaner, Europäer und Australier verlangen von armen Afrikanern und Asiaten, dass diese nun bitteschön die Solaranlagen und Windräder zu errichten hätten, die sie selbst in den vergangenen Jahrzehnten zu errichten versäumten. Am Ende sollen die Bewohner des Westens das Recht behalten, mehr CO2 in die Athmosphäre zu blasen, als es den Bewohnern der Entwicklungsländer gestattet sein wird. Das muss man nicht richtig finden.

"Climate Justice", schreien die jungen Demonstranten. "When do you want it?", ruft die Einheizerin? "Now!", brüllt die Menge.

Klimawandel ist eine Gerechtigkeitsfrage, diese Botschaft scheint angekommen zu sein. Vor allem für die Bewohner der Inselstaaten geht es aber um mehr, es geht um ihr Überleben. "Manche Leute werden sagen, dies sind nur kleine Länder", sagte Bill McKibben, Gründer der Klima-NGO 350.org – "aber sie haben eine Armee hinter sich."

Nun marschiert sie auf, die Armee. Wie viele mögen sein sein? Die letzte große Demonstration hier galt dem Irak-Krieg. Damals, sagt Jan, mein demonstrationserfahrener Kopenhagener Fremdenführer, seien 20.000 Leute zusammen gekommen. Und diesmal seien es sicher nicht weniger.

Es geht auf Weihnachten zu, und Kopenhagens Geschäftsleute demonstrieren in großer Einigkeit, dass sie keinen Grund sehen, ihr Lichterfest mittels Energiesparlampen etwas umweltverträglicher zu gestalten. Der Demonstrationszug hat sich auf den Weg gemacht, irgendwie sind wir in einen Block geraten, dessen zentrale Parole "Change the system, not the climate" lautet, was in der politischen Praxis bedeutet, dass der schwarze Block die Scheiben eines sehr schönen alten Gebäudes einwirft und eine gewaltige Wolke aus Feuerwerksmief hinterlässt. "Das ist die Börse", sagt Christian, ein Bekannter meines Fremdenführer, und fügt gewichtig hinzu: "Das hatte also seine Gründe."

Es ist eine ziemlich internationale Demonstration, und man muss zur Ehrenrettung ihrer Teilnehmer sagen, dass außer den Autonomen selbst nicht viele die Autonomen gut finden. Ein Lautsprecherwagen ruft sie sofort zur Ordnung, natürlich vergeblich. Eine Gruppe des WWF verschwindet in eine Seitenstraße, um sich in einen friedlicheren Teil des Zuges wieder einzureihen.

Wer ist das, die Klimaschutzbewegung? Emilie zum Beispiel ist aus Frankreich angereist, aus einem Nest namens Champagny en Vanoise mit 700 Einwohnern. Seit ein paar Tagen hilft sie beim Kopenhagener Klima-Alternativkongress, einer Art Gegengipfel zur Weltklimakonferenz, die Simultan-Übersetzungen zu koordinieren. 29 Jahre ist sie alt, für Umweltschutz, sagt sie, interessiere sie sich seit ihrem dritten Lebensjahr. Ihre persönliche Ökobilanz lässt insofern zu wünschen übrig, als sie gerne Fleisch isst und daheim in Frankreich auch ein Auto besitzt. Es ist nicht so einfach, mit der Klimagerechtigkeit. Zumal, wenn sie "sofort" eintreten soll, wie die Demonstranten unverdrossen rufen.