"Am schlimmsten ist die Versalzung"

Ferdausur Rahman leitet die Organisation Prodipan, die in Bangladesh versucht, die Situation armer Familien zu verbessern. Rund 600 Mitarbeiter unterstützen die ärmsten Dorfbewohner im Landesinnern und vor allem in den Sundarbans, den Mangrovengebieten an der Südküste. Zum Aufbau einer sozialen Versorgung kommt immer mehr die Aufgabe, Anpassungsstrategien an die Folgen des Klimawandels zu finden.

ZEIT ONLINE: Herr Rahman, Bangladesh ist einer der Hotspots für die Gefahren des Klimawandels. In einem Land, das ohnehin oft überflutet ist, häufen sich Stürme und Hochwasser schon jetzt spürbar, der Meeresspiegel steigt. Denken viele Menschen darüber nach auszuwandern?

Ferdausur Rahman: Mit welchem Geld sollten sie das tun? Wohin sollten sie gehen? Nach Myanmar oder Indien? Unsere Nachbarländer haben doch selbst genug Probleme. Erinnern Sie sich an den Zyklon Nargis in Myanmar im vergangenen Jahr, der womöglich 100.000 Tote gekostet hat. Wir müssen jetzt vorausdenken und Lösungen für die Anpassung an den Klimawandel finden, um wenigstens noch die nächsten Jahrzehnte durchhalten zu können.

ZEIT ONLINE: Welches sind die größten Probleme?

Rahman: Am schlimmsten ist die Versalzung. Vor 15 Jahren gab es Brackwasser bis etwa 15 Kilometer weit ins Landesinnere, mittlerweile drückt das Salz schon 40 bis 45 Kilometer in die Flüsse. Das hat erhebliche Folgen für den Nahrungsanbau. Die Menschen pflanzen vor allem Reis und Jute an, aber oft scheitert die Ernte.

ZEIT ONLINE: Gibt es kein angepasstes Saatgut?

Rahman: Die Regierung hat tolerante Sorten gezüchtet, aber sie gehen auch nur in den Regionen auf, in denen die Salzkonzentration noch nicht so hoch ist. Für die Bauern ist es schwierig, neue Sorten kaufen zu müssen, sie werden jetzt abhängig vom internationalen Saatgutmarkt. Vielerorts verwenden sie außerdem kostbares Grundwasser, um die Felder bewässern zu können.

ZEIT ONLINE: Könnte man das Flusswasser entsalzen?

 

Rahman: Filter gibt es, aber für die einfachen Leute sind sie viel zu teuer, auch wenn man sie nicht in Deutschland, sondern in China kauft. Wir wollen das Süßwasser in Auffangbecken speichern, das während der Monsunmonate herabregnet, und sie mit Dämmen und Barrieren gegen das Salzwasser schützen. Dann kann das Wasser auf die Felder gebracht werden. Die Bauern müssen auch ganz neue Anbauzyklen lernen. Das alles ist extrem wichtig in einem Land, in dem rund zwei Drittel der Bevölkerung ihr Einkommen aus der Landwirtschaft bezieht.

ZEIT ONLINE: Der Ackerbau ist das eine, aber wie schützen sie sich vor den Stürmen?

Rahman: In den Dörfern sollen Baumalleen als Windbarrieren gepflanzt werden. Wir wollen versuchen, die Dörfer höher zu setzen, damit sie besser gegen Hochwasser gewappnet sind. Mit Unterstützung von Brot für die Welt und der Diakonie haben wir auch schon 4000 Häuser neu gebaut, die festere Mauern haben. Beinahe 90 Prozent davon haben die beiden jüngsten Zyklone überstanden. Aber wir brauchen auch noch viel mehr Schutzunterkünfte. Im Moment liegen oft zehn Kilometer dazwischen. Wir denken jetzt über kleinere Gebäude in den Dörfern nach, die so hoch gebaut werden, dass das Wasser darunter her fließen kann. Die kann man in den gefahrlosen Zeiten vielleicht auch als Saatgutspeicher nutzen. 

ZEIT ONLINE: Das alles ist sehr teuer, selbst wenn Unterstützung aus dem Ausland kommt. Können die Dorfbewohner einen Anteil der Kosten aufbringen?

Rahman: Ein stabiles Haus, das 150 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit übersteht, kostet rund 1000 Euro. Solche Summen stehen völlig außerhalb der Möglichkeiten für die Familien. Aber sie geben ihre Arbeit; gemeinschaftlich bauen die Familien füreinander. Wenn wir Schutzunterkünfte oder einen Teich anlegen, dann stellen die Gemeinden oft das Land umsonst zur Verfügung. Wenn man allerdings an die Summen für größere Eindeichungen denkt: solche Anpassungskosten gehen in die Millionen.

ZEIT ONLINE: Wie viel wissen die Menschen von den Ursachen des Naturchaos, die so weit entfernt liegen?

Rahman: Kürzlich war ein Entwicklungspolitiker zu Besuch, der war ganz erstaunt, dass selbst ein alter Mann in einer der abgelegensten Gegenden ganz selbstverständlich von Treibhausgasen sprach. Aber nicht alle kennen die Ursache ihrer Probleme, und oft werden sie von Leuten informiert, die ihnen nur Angst machen, und Wut.

ZEIT ONLINE: Sind Sie selbst nicht zornig? Schließlich baden die Armen in Bangladesh Probleme aus, die andere verursacht haben, noch dazu die Reichen?

Rahman: Natürlich macht einen das auch zornig. Aber man muss Lösungen suchen und nicht schon aufgeben, ehe man überhaupt begonnen hat.

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