Libysche Medien veröffentlichten am Donnerstag eine Erklärung der Vereinigung für islamische Mission mit Sitz in Tripolis, in der die arabischen und islamischen Länder aufgerufen wurden, Schweizer Waren und Dienstleistungen zu boykottieren. Zuvor hatte bereits das libysche Nationale Komitee für Menschenrechte eine ähnliche Erklärung veröffentlicht, in der es hieß: "Wir wundern uns nicht über diese Entwicklungen in einem Land, dessen Politik heuchlerisch ist."

Am vergangenen Sonntag hatten die Schweizer über den Bau von Minaretten abgestimmt. Insgesamt 57,5 Prozent sprachen sich bei dem Referendum für ein Verbot aus. Das Ergebnis war für die meisten Parteien überraschend, da im Vorfeld Umfragen ein Scheitern des Antrags prognostizierten. Die Initiative Gegen den Bau von Minaretten wurde von den Anhängern der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der rechtsnationalen Kleinpartei Eidgenössische Demokratische Union (EDU) lanciert.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Libyen sind seit mehr als einem Jahr äußerst angespannt, weil Gaddafi über eine vorübergehende Festnahme seines Sohnes Hannibal und seiner Schwiegertochter am 15. Juli 2008 in Genf verärgert ist. Diese sollen damals Hausangestellte misshandelt haben, was sie bestreiten. Nach dem Zwischenfall in Genf waren in Libyen zwei Schweizer Geschäftsleute festgesetzt worden, die diese Woche wegen Visavergehen in Abwesenheit zu jeweils 16 Monaten Haft verurteilt worden waren. Die beiden Männer befinden sich in der Schweizer Botschaft in Tripolis.

Ich bin sicher, dass unsere muslimischen Brüder, die Geld auf Schweizer Banken haben, ihre Entscheidung überdenken werden.
Europaminister Egemen Bagis

Kritik an dem Schweizer Referendum kommt auch aus der Türkei und von anderen arabischen Politikern und Organisationen. Die Türkei und Syrien hatten Muslime in aller Welt bereits Mittwoch aufgerufen, ihr Geld aus der Schweiz abzuziehen. Der türkische Bankensektor sei für Geldanlagen offen und zudem von der weltweiten Finanzkrise nicht stark betroffen, zitierten türkische Zeitungen am Mittwoch Europaminister Egemen Bagis: "Ich bin sicher, dass unsere muslimischen Brüder, die Geld auf Schweizer Banken haben, ihre Entscheidung überdenken werden."

Auch die Führung der syrischen Republik, die ebenso wie die Türkei ein säkularer Staat ist, rief zu einer Kampagne gegen die Schweiz auf. Samira al-Masalme, die Chefredakteurin der regierungsnahen syrischen Tageszeitung Teshreen, forderte einen arabischen Boykott Schweizer Waren. Die Schweizer Industrie exportiere viel in islamische und arabische Länder, "ein Boykott hätte daher spürbare Auswirkungen", erklärte sie.

Die ägyptische Menschenrechtsvereinigung hatte das Bauverbot am Dienstag mit "großer Besorgnis" zur Kenntnis genommen. Aus dem islamischen Königreich Saudi-Arabien, das keine Religionsfreiheit kennt und Ausländern den Bau von Kirchen auf seinem Staatsgebiet verbietet, kam dagegen keine Kritik.

Die Türkei hatte das Bauverbot bereits zuvor scharf kritisiert. Staatspräsident Abdullah Gül sprach von einer Schande für die Schweiz und Beispiel für Feindseligkeit gegenüber Muslimen in der westlichen Welt. Die arabischen Staaten reagierten wegen der mehrtägigen Ferien zum islamischen Opferfest erst etwas später auf die Abstimmung.

Die Schweizer Rechtspopulisten zeigen sich nach dem gewonnen Referendum motiviert und wollen nun eine neue Abstimmung initiieren. Dabei wollen sie gegen die Ganzkörperverschleierung von Frauen vorgehen.