In der vierten Stunde seiner Bürgerfragerunde im Staatsfernsehen kam der russische Regierungschef Wladimir Putin doch noch in Fahrt. Der 57-Jährige machte klar, mit ihm sei noch lange zu rechnen. Putin überlegt, bei der Präsidentenwahl 2012 wieder anzutreten. Das gesagt, dauerte es keine Stunde, bis Amtsinhaber Dmitrij Medwedjew, Putins politischer Ziehsohn, bei einem Besuch in Rom mitteilte, auch er schließe eine neue Kandidatur nicht aus. Das sieht nach politischem Machtkampf aus. Zwar haben sich Putin und Medwedjew nach außen immer wieder Treue geschworen. Doch für die Lager um beide Politiker ist der Wahlkampf tatsächlich voll im Gang.

Ich werde darüber nachdenken. Es ist noch genug Zeit
Wladimir Putin auf die Frage nach einer Präsidentschaftskandidatur

Geschlagene vier Stunden äußerte sich Putin zu rund 80 Zuschauerfragen. Es ging um den Anti-Terror-Kampf, die Finanzkrise, die Autoindustrie, Renten und Einkommen, Gesundheit und Bildung, ja sogar um die Hosenproduktion. Dabei schaffte es der Regierungschef dank meist unkritischer Fragen und netter Stichworte der Moderatoren, seine Politik als Erfolgsgeschichte darzustellen. Was die Zuschauer des Staatsfernsehens hörten, klang viel optimistischer als die jüngste Schelte und "Schwarzmalerei" Medwedjews.

Der 44 Jahre alte Ziehsohn Putins hatte zuletzt bei seiner Rede zur Lage der Nation und schon zuvor in Internetbeiträgen die Rückständigkeit Russlands beklagt. Der Westen hatte diese offene Kritik Medwedjews an den Zuständen begrüßt und dies auch als den Versuch einer Abgrenzung von Putin gewertet. Doch Medwedjews Forderungen nach einer Modernisierung des Landes blieben bislang ohne nennenswerte Folgen.

Medwedjew appellierte auch an die Bevölkerung, sowjetisches Denken hinter sich zu lassen, das Schicksal selber in die Hand zu nehmen, schöpferisch zu sein und sich nicht ausschließlich auf den Staat zu verlassen. Anders bei Putin. Dem schlug in dem TV-Marathon eine Welle der Dankbarkeit entgegen, nachdem er sich immer wieder öffentlichkeitswirksam selbst in maroden Betrieben sehen ließ und dort Staatsgeld verteilte.

Putin als Retter der Nation

"Danke für meine Rente!", "Danke, dass Sie uns helfen!" - Putin ließ sich nach Einschätzung von Beobachtern einmal mehr als "Retter der Nation" feiern. Einem zugeschalteten kräftigen Bergmann kamen in der Sendung "Gespräch mit Wladimir Putin. Die Fortsetzung" vor lauter Dankbarkeit sogar die Tränen.

Putin, der diese Show zum achten Mal führte, gilt auch in Umfragen als der mit Abstand populärste Politiker des Landes – geschätzt wird vor allem seine Führungsstärke und Tatkraft. Als er im vorigen Jahr nach acht Jahren im Kreml als Präsident aus Verfassungsgründen abtreten musste, wünschten sich die meisten Russen, er möge doch bleiben. Viele in Moskau erwarten nun seine Rückkehr 2012.

Zwar bekam der Regierungschef auch verzweifelte Stimmen zu hören, wie die einer jungen Witwe, die mit zwei Töchtern kaum ein Auskommen habe. Doch betonte Putin, dass es doch früher – in den chaotischen 1990ern – viel schlimmer gewesen sei. Es gehe bergauf. Auch die Verärgerung über überteuerte Medikamente schmetterte er mit dem Hinweis ab, früher habe es überhaupt nichts in den Apotheken gegeben.

Putin versprach viel. Er will den Anti-Terror-Kampf weiter verschärfen und auch mit den Missständen der teils kriminellen Strukturen bei der Polizei aufräumen. Von politischen Fehlern, wie seine Gegner sie ihm vorhalten, war keine Rede.

Putin steht mit der von ihm geführten Kremlpartei Geeintes Russland für eine konservative und patriotische Politik, während sich Medwedjew zumindest in seinen Reden deutlich liberaler und kritischer gibt. Allerdings sehen Politologen seit langem Medwedjews größtes Problem darin, keine eigene Machtbasis zu haben, um seine politischen Ansichten in die Tat umzusetzen. Kommentatoren kritisieren, dass der Kremlchef seine unbegrenzte Machtfülle zu zaghaft einsetze, um die korrupten Strukturen in Russland tatsächlich zu ändern.

Von Ulf Mauder, dpa