Starr lächelt der Mann auf sein Volk herab. Bilder des Präsidenten zieren Banner an den Straßenlaternen. Sie prangen auf großen Plakatwänden entlang der Hauptstraßen und auf Wimpeln, die vor Behörden im Wind flattern. In den Räumen von Schulen, Ämtern und Hotels hängen meist gleich mehrere in Gold gerahmte Porträts des mächtigsten Mannes im Staat. Zine El Abidine Ben Ali, der Machthaber Tunesiens, ist in dem nordafrikanischen Land allgegenwärtig.

Ben Ali trägt auf den Bildern stets volles schwarzes Haar und glatte, jugendhafte Haut zur Schau. Seine 73 Jahre sieht man dem Präsidenten Tunesiens nicht an. "Angemalt, von oben bis unter ist er angemalt", flüstert eine Tunesierin. Laut, vor Fremden auf der Straße, würde sie nicht über den ewigen Präsidenten spotten. Der Geheimdienst soll seine Ohren über all haben.

Drei Prozent der Bevölkerung seien beim Innenministerium angestellt, erzählt eine Europäerin, die lange in Tunis lebt. Die Uniformierten der Polizei und der Nationalgarde stehen an jeder Kreuzung, vor jedem Staatsgebäude. Sie verkörpern offen die Staatsmacht.

Doch wer zu den Agenten des Geheimdienstes gehöre, sei schwer auszumachen, sagt die Europäerin. Die Spitzel säßen in Cafés und Parks, hörten zu, was die Menschen bereden. Ihren Namen will die Frau nicht veröffentlicht sehen. "Vielleicht", sagt sie, "gibt es beim Innenministerium auch eine Akte über mich." Sie sagt das leicht dahin, es klingt wie ein Scherz, doch lächelt die Europäerin dabei nicht.

Ein in Tunis lebender Deutscher berichtet, dass er beobachtet werde. Er sei sich sicher, dass jemand notiere, wann er das Haus verlasse, wann er zurückkomme und wer ihn besuche. In jedem Viertel soll es einen Aufpasser der Behörden geben, der als Quartierwart über die Ordnung wacht. In Tunesien wird die Macht von Ben Ali wird von niemanden offen herausgefordert, doch das Regime geht auf Nummer sicher.

Seit 22 Jahren regiert Ben Ali nun schon Tunesien. 1987 löste er Habib Bourguiba mit einem Putsch ab. Er ließ von Ärzten feststellen, dass der Amtsinhaber nicht mehr regierungsfähig sei. Ben Ali, damals Ministerpräsident, übernahm die Staatsgeschäfte. Seitdem herrscht Ben Ali und seine Familie über das Land wie absolutistischer Monarch.

Seit 22 Jahren an der Macht und kein bisschen amtsmüde: Ben Ali, Präsident Tunesiens

Beamte beantworten Fragen nach ihrer Meinung gerne mit Sätzen wie: Der Präsident hat vergangene Woche entschieden, dass...." Eine eigene Sicht der Dinge ist nicht gefragt. Noch immer hängen die Wahlplakate des Präsidenten in vielen Orten, obwohl die Wahl schon Wochen zurückliegt. Die Bürgermeister wetteifern darum, erzählt eine Einheimische, wer die Werbung am längsten hängen lasse und damit die größte Loyalität zeige. Kurz nachdem der Präsident verlauten ließe, Tunesien solle bunter werden, ihm gefalle die Farbe violett, reagierten die Behörden mit der Aktion Pinsel. Geländer von Autobahnbrücken, Poller und Pfosten wurden fortan in der Farbe des Präsidenten gestrichen.