Die Geheimdienste sind Diener der Politik. Aber was heißt "Diener"? Sind sie bloß Zuträger oder auch Instrumente der Politik? Machen sie gar selber Politik? Solche Fragen erzeugen sehr selten eindeutige Antworten. Aber im Falle der amerikanischen Dienste darf man getrost wie im Multiple-Choice-Test das Kästchen "All of the Above" ankreuzen. 

Ein hübscher Fall, der derlei Vielseitigkeit illustriert, ist die Geschichte des berüchtigten National Intelligence Estímate (NIE, etwa: Geheimdienst-Bewertung) vom Herbst 2007, der das iranische Atomwaffen-Programm analysiert hatte. Das Fazit, mit dem Zusatz "mittlere Wahrscheinlichkeit" versehen: Ja, die Iraner haben Waffen gebaut, aber nur bis 2003. Dann hätten sie aufgehört, jedenfalls bis zum Erscheinungsdatum des NIE.

Iran-Kenner haben das nie geglaubt, zumal besagter NIE, der weltweit Furore machte, geschickt zwischen research (Waffenforschung) und weaponization (Waffenbau) unterschied. Die Unterscheidung ist fließend. Mit Zündungsmechanismen zu experimentieren, ist "Forschung". Eine Explosion im Labor zu produzieren, die eine Metall-Hohlsphäre in Nanosekunden zusammen staucht, ist auch "Forschung". Aber wenn man weiß, wie es geht, ist der Schritt zur Bombe ein sehr kurzer: Man muss nur das harmlose Metall durch Plutonium ersetzen, und fertig ist der Bombensatz, der zu einer kritischen Masse zusammengepresst werden kann.

Die Bush-Regierung, die im Herbst 2007 noch über Militärschläge nachdachte, stand plötzlich da wie ein begossener Pudel. Wenn die eigenen Dienste, alle sechzehn, erklären, es gäbe weder Handlungsbedarf noch Zeitdruck, dann musste die militärische Option vom Tisch. Nun soll im Februar der nächste NIE erscheinen, und der dürfte etwas anders klingen.

Die europäischen Dienste in Frankreich, England und Deutschland zeigten sich seinerzeit verblüfft; sie hatten ganz andere Erkenntnisse. Selbst die Wiener Atombehörde IAEA, eine UN-Organisation, moserte leise und ließ wissen, dass Iran bereits ausreichend Know-how für den Bombenbau hatte.

Deshalb darf man sich eine plausible Vermutung gestatten: Der NIE von 2007 hatte offenbar die Funktion, der Regierung Bush die Argumente für einen Militärschlag zu rauben.