Nach dem schweren Erdbeben in Haiti irren Tausende traumatisierte Kinder allein durch die Straßen. In Kinderheimen ist die Lage katastrophal und spitzt sich weiter zu, berichteten Helfer und Experten. Viele Kinder sind ohne jegliche Betreuung. Haiti hat als ärmstes Land Amerikas auch eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt etwa 40 Prozent der Einwohner sind Statistiken zufolge jünger als 15 Jahre. Wie CNN.com berichtete, lebten in dem Land schon vor dem Erdbeben rund 380.000 Waisenkinder. Diese Zahl dürfte sich in den vergangenen Tagen drastisch erhöht haben.

Frankreich und die Niederlande begannen, Adoptivkinder aus dem chaotischen Haiti auszufliegen. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sagte: "Wir kümmern uns um alle Kinder nicht nur um die adoptierten." Vorrang hätten verletzte Kinder. Frankreich will alle von Franzosen adoptierten Kinder schnell aus Haiti ausfliegen. Dafür müssten aber alle Papiere in Ordnung sein, sagte Entwicklungsstaatssekretär Alain Joyandet am Montag dem Sender Europe-1, Zahlen nannte er nicht. Elternvereinen zufolge laufen jedoch zurzeit 1200 bis 1500 Anträge. Jedes Jahr werden Tausende Kinder aus Haiti von ausländischen Eltern adoptiert, was dem Land bereits den Vorwurf einbrachte, Kinderhandel zu betreiben. Das wichtigste Aufnehmerland ist Frankreich.

Auch die Niederlande wollen 109 Adoptivkinder mit einem Charter-Flugzeug in Sicherheit bringen. "Wir machen uns große Sorgen und wollen die Kinder so schnell wie möglich rausholen", sagte Letje Vermunt, die Sprecherin der Niederländischen Stiftung für Adoption (NAS). Die Rettungsaktion wird von der niederländischen Regierung unterstützt, berichtete die Zeitung Trouw am Montag. Israel bemüht sich nach Berichten um die Adoption von 50 Waisenkindern aus Haiti.

Nach Angaben des Vereins Haiti-Kinderhilfe muss vor allem den Kindern geholfen werden, die nicht bei ihren Eltern leben, sondern zum Arbeiten in andere Familien geschickt wurden. Sie würden von niemandem gesucht oder versorgt, sagte Stephan Krause, Vorsitzender der Haiti-Kinderhilfe e.V.. Die Kinderhilfsorganisation World Vision berichtete am Montag von einem völlig überfüllten Waisenhaus in Delmas im Großraum Port-au-Prince, in dem Kinder seit zwei Tagen ohne Wasser waren. "Als wir Hilfe brachten, streckten uns Dutzende Kinder ihre Arme entgegen. Die meisten sind erschöpft, viele leiden unter Krankheiten wie Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Hautausschlag.", sagte Mitarbeiter James Addis.

Das entwicklungspolitische Kinderhilfswerk terre des hommes warnte vor Kinderhändlern und Schleppern. Kinderhändler würden
erfahrungsgemäß Notlagen wie jetzt in Haiti ausnutzen, teilte die Hilfsorganisation in Osnabrück mit. "Wir brauchen deshalb schnell
Schutzmechanismen und konkrete Angebote, die verlassene Kinder aufnehmen und sie vor Verbrechen wie Kinderhandel und illegaler
Adoption schützen", sagte Geschäftsführerin Danuta Sacher.

Die humanitären Zustände in Haiti sind weiterhin katastrophal. "Die Nerven liegen blank, während den hungrigen und durstigen Überlebenden langsam bewusst wird, was sie verloren haben", erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf. Die Lebensmittelpreise seien seit dem Erdbeben am Dienstag vergangener Woche explodiert. Nur wenige Menschen hätten Zugang zu sanitären Anlagen, Wasser, Essen, ärztlicher Hilfe und Unterkünften, sagte der Leiter der IKRK-Delegation in Haiti, Riccardo Conti. Angesichts dieser Umstände komme es zunehmend zu Gewalt und Plünderungen.

Die haitianische Regierung hat daher den Ausnahmezustand ausgerufen. Der Notstand soll vorerst bis Ende des Monats gelten. Die Regierung bat die USA, für die Sicherheit in Haiti zu sorgen und beim Wiederaufbau zu helfen. In Port-au-Prince sollen US-Soldaten den Friedenstruppen der Vereinten Nationen (UN) bei der Bekämpfung der wachsenden Gesetzlosigkeit helfen. In der weitgehend zerstörten Hauptstadt werden bis zu 12.000 US-Soldaten erwartet. "Wir haben 2000 Polizeibeamte in Port-au-Prince, die schwer gelitten haben", sagte Preval. "Und 3000 Verbrecher sind aus dem Gefängnis entkommen. Dies zeigt, wie schlimm die Lage ist." Im Lauf des Tages waren erste Fälle von Lynchjustiz bekannt geworden. Im Zentrum der Hauptstadt Port-au-Prince räumten Plünderer Geschäfte leer und gingen mit Messern, Hämmern und Steinen aufeinander los. Die Polizei versuchte, sie mit Schüssen auseinanderzutreiben. 

Die Hilfsorganisationen bemühten sich weiter, den verzweifelten Überlebenden des Erdbebens trotz der zerstörten Infrastruktur Hilfe zukommen zu lassen. Das Deutsche Rote Kreuz kündigte an, ein großes mobiles Hospital in das Erdbebengebiet zu entsenden. Dort könnten bis zu 700 Patienten täglich ambulant behandelt werden. Zudem stünden 120 stationäre Betten zur Verfügung, teilte das DRK am Montag mit. Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) begannen mit der Errichtung von zwei Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung. Ab Montag sollten in Schulen und öffentlichen Gebäuden rund 280 Notfallzentren errichtet werden, um die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen und ihnen Notunterkünfte anzubieten.

Nach Angaben der haitianischen Regierung wurden bislang 70.000 Tote geborgen und beigesetzt, Experten gehen inzwischen von bis zu 200.000 Erdbeben-Opfern aus. Hunderttausende Menschen leiden Hunger und leben in improvisierten Zeltlagern inmitten der Trümmer und verwesender Leichen. Dennoch kommen die medizinische Hilfe und die Lebensmittellieferungen aus aller Welt zunehmend bei den Bedürftigen an. Internationale Rettungsteams übernahmen die beschädigten Krankenhäuser der Stadt. Bewacht von bewaffneten UN-Patrouillen waren Hunderte Lastwagen auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Port-au-Prince. Immer wieder wurden sie jedoch durch Trümmer und Leichen auf den Straßen aufgehalten. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief bei seinem Besuch am Sonntag die Menschen auf, mehr Geduld zu haben.