Die Nervosität, die Tony Blair, ganz ungewohnt für ihn, zu Beginn der mit großer Spannung erwarteten und live im  britischen Fernsehen übertragenen Befragung durch den Irak-Untersuchungsausschuss erkennen ließ, war schnell verflogen. Viele in Großbritannien, die auf ein Scherbengericht über den früheren Premier gehofft hatten, wurden enttäuscht. Der Mann, der sein Land an der Seite von George W. Bush in den Krieg gegen Saddams Husseins Regime geführt hatte und es sich gefallen lassen muss, dafür als Lügner und Kriegsverbrecher beschimpft zu werden, trat ganz und gar nicht nicht wie ein Sünder auf, der weiß, dass ihn die öffentliche Meinung längst für schuldig befunden hat.

Selbstbewusst, gut vorbereitet und seiner Sache sicher, ließ Blair weder einen Anflug von Reue erkennen noch gab er sich eine Blöße, was die besonders kontroversen Punkte betrifft: die Rechtmäßigkeit des Kriegs und die angeblichen Massenvernichtungswaffen des irakischen Diktators, mit denen er die Invasion begründet hatte.

Vielmehr nutzte Blair die sechs Stunden dauernde Befragung, um immer wieder an Aspekte und Fakten zu erinnern, die in den zumeist hoch emotionalisierten Diskussion über den Irakkrieg häufig vergessen werden. An die Existenz von Saddams Massenvernichtungswaffen glaubten damals nicht nur die Regierungen in London und Washington, sondern viele, ob Inspektoren der UN oder französische wie deutsche Geheimdienste. Das gängige Urteil, laut herausgeschrieen von den Demonstranten draußen vor den Toren der Anhörung, mag lauten, Blair habe Parlament und Öffentlichkeit belogen. Doch der sah und sieht sich noch heute im Recht.

Blair erinnerte an den Bericht der internationalen Untersuchungskommission, die im Irak nach der Invasion nach Massenvernichtungswaffen gesucht und keine gefunden hatte. Darin hieß es, zwar hätten sich alle Geheimdienste geirrt. Aber das, was sie gefunden hätten, nämlich Pläne für ABC-Waffen, fertig in der Schublade liegend, und das vorhandene Knowhow, sie zu bauen, ließen nur einen Schluss zu: Das Regime sei noch gefährlicher gewesen als angenommen.

Blair nutzte die Befragung, den Krieg in den größeren politischen Kontext zu stellen: Die Terrorattacken auf New York und Washington hatten im Westen die Alarmglocken schrillen lassen. Der frühere Premier unterstrich, wie sehr sich die Gefahreneinschätzung nach dem 11. September 2001 geändert habe: "Wenn die Fanatiker gekonnt hätten, dann hätten sie an diesem Tag 30 000 Menschen ermordet".

"Bis zum 11. September haben wir gedacht, Saddam sei ein Risiko. Aber wir haben geglaubt, es kontrollieren zu können", sagte Blair. Diese Ansicht habe sich nach dem 11. September 2001 "dramatisch verändert".

In der vergangenen Woche wurde von der Untersuchungskommisson die Frage der Legalität oder Illegalität des Krieges behandelt. Doch handelt es sich dabei ganz gewiss nicht um die Kernfrage des Konfliktes. Internationales Recht ist nicht in Stein gemeißelt, es wird durch politische Entscheidungen weiter entwickelt. Am Ende geht es um die Bewertung der politischen Entscheidung, in den Krieg zu ziehen; eine Entscheidung, auch das wird gerne vergessen, der im März 2003 das britische Parlament mit großer Mehrheit zugestimmt hatte. Andernfalls wäre Blair zum Rücktritt gezwungen gewesen.

Blair ist vom Naturell her der Typ des ewigen Optimisten. Er ist überzeugt davon, dass die Geschichte über ihn und die Entscheidung für den Krieg gegen das irakische Regime dereinst positiv urteilen werde; die Iraker könnten jetzt doch "ihr Schicksal selber gestalten", sagte er.

Man wird sehen, ob er recht behält. Zumindest förderte die Untersuchung bislang nichts zu Tage, was dem widersprechen würde.