Eine Gruppe von Talibankämpfern hat eine bewaffnete Offensive auf das Regierungsviertel von Kabul gestartet. Etwa 20 Aufständische haben mehrere Gebäude, darunter den Präsidentenpalast, das Justiz- und Finanzministerium, die Zentralbank sowie weitere Banken und Einkaufszentren angegriffen.

Unter den Angreifern waren auch Selbstmordattentäter. Einer von ihnen hat Sicherheitskreisen zufolge eine Autobombe gezündet und dabei mehrere Polizisten und Mitarbeiter des Geheimdienstes getötet. Der Sprengsatz sei vor dem Einkaufszentrum Gulbahar in der Nähe des Außenministeriums explodiert, hieß es in den Kreisen. Sicherheitskräfte hätten zuvor auf den Attentäter geschossen.

Nach offiziellen Angaben starben mindestens 15 Menschen, darunter zehn Angreifer und zwei Zivilisten. Anderen Quellen zufolge starben nur zwölf Menschen. Weitere 71 Personen wurden verletzt. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte, die Verletzten seien ins Krankenhaus gebracht worden. Es handele sich größtenteils um Zivilisten, aber auch um Sicherheitspersonal. Es starben mindestens sieben Aufständische, vier Sicherheitskräfte und ein Zivilist.

Die afghanische Polizei geht von zehn Selbstmordattentätern aus, die in verschiedene Gebäude eingedrungen sind und diese besetzt halten. "Die Polizei, Armeekräfte und der Geheimdienst bereiten sich darauf vor, Gebäude zu stürmen", sagte der Offizier Amir Mohammad, der an dem Einsatz beteiligt ist.

Augenzeugen berichteten von mehreren Explosionen sowie Feuergefechten zwischen den Aufständischen und Hunderten Sicherheitskräften. "Es ist völlig chaotisch, wir wissen nicht, was wir tun sollen und wo wir hin sollen", sagte ein Mann, der in einem Regierungsgebäude in der Nähe des Präsidentenpalastes eingeschlossen war.

Das Kommando der Aufständischen, dem nach Angaben eines Taliban- Sprechers etwa 20 Kämpfer angehörten, hatte ein Gebäude eines Einkaufszentrums nahe dem Palast von Präsident Hamid Karsai besetzt. Augenzeugen berichteten von mehreren Explosionen. Nach Berichten der afghanischen Agentur Pajhwok gab es langanhaltende Feuergefechte zwischen den Rebellen und Sicherheitskräften. Fernsehbilder zeigten das in Flammen stehende Einkaufszentrum, über dem Areal stiegen dichte dunkle Rauchwolken auf. Anwohner mussten fliehen. Auch ein Kino war in der Hand der Aufständischen.

Ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums sagte, zwei Selbstmordattentäter hätten sich vor dem Präsidentenpalast in die Luft gesprengt. Zwei weitere seien von afghanischen Sicherheitskräften getötet worden. Nach Angaben des privaten Fernsehsenders Tolo soll sich ein weiterer Selbstmordattentäter in der Nähe des Außenministeriums in die Luft gesprengt und mehrere Menschen mit in den Tod gerissen haben. Nach Berichten von Augenzeugen soll es weitere Explosionen gegeben haben, bei denen Selbstmordattentäter beteiligt waren. Die Zahl der Opfer war zunächst unbekannt.

Mehrere Stunden nach dem Angriff seien "nahezu alle" von den Aufständischen besetzten Gebäude wieder in der Hand der Sicherheitskräfte, sagte der Ministeriumssprecher. Diese suchten nach restlichen Taliban, die sich darin versteckt halten könnten. Ein Taliban-Sprecher hatte sich zuvor per Telefon von einem geheim gehaltenen Ort zu dem gezielten Angriff auf Regierungsgebäude und den Präsidentenpalast bekannt.

Ein Sprengkörper habe auch den Garten des Serena Hotels getroffen, sagte ein Gast. In dem einzigen Fünf-Sterne-Hotel Afghanistans steigen zahlreiche westliche Diplomaten und Journalisten ab. Die Gäste seien zu ihrer eigenen Sicherheit in den Keller des Hotels gebracht worden. Der Taliban-Sprecher behauptete, mehrere Ausländer seien bei dem Angriff auf das Hotel getötet worden. Eine Bestätigung dafür gab es nicht.

Präsident Karsai, der am Montag nur einen Steinwurf vom Anschlagsort entfernt neue Mitglieder seines Kabinetts vereidigte, verurteilte den Angriff. In einem von seinem Büro verbreiteten Statement versicherte er den Bürgern von Kabul, die Stadt sei unter der Kontrolle der Sicherheitskräfte. Auch die USA verurteilten die Attacke. Es sei eine "Verzweiflungstat" der Taliban, sagte der US- Sondergesandte für Afghanistan, Richard Holbrooke. "Es ist nicht verwunderlich, dass die Taliban so etwas tun. Das sind verzweifelte Leute, sie sind rücksichtslos", sagte Holbrooke in Neu Delhi, wo er in Vorbereitung der Londoner Afghanistan-Konferenz mit indischen Regierungsvertretern zusammengetroffen war.