Präsident Barack Obama hat den US-Geheimdiensten nach dem knapp vereitelten Anschlag auf eine Passagiermaschine Versagen vorgeworfen. Das System habe "auf potenziell desaströse Weise versagt", sagte Obama verärgert nach einem Treffen mit Geheimdienstchefs und mehreren Ministern im Weißen Haus. Die Sicherheitslücken müssten schnell geschlossen, Reformen "sofort" umgesetzt werden.

Zuvor hatte Obama annähernd zwei Stunden lang mit CIA-Direktor Leon Panetta, FBI-Boss Robert Mueller, Außenministerin Hillary Clinton, Vize-Präsident Joe Biden und Verteidigungsminister Robert Gates über Konsequenzen aus dem vereitelten Flugzeuganschlag am 25. Dezember beraten. Gemeinsam mit Antiterrorexperten und Fachministern analysierten sie die Sicherheitslücken, die es dem Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab ermöglicht hatten, mit Sprengstoff an Bord eines US-Flugzeugs von Amsterdam nach Detroit zu gelangen.

Personelle Konsequenzen gab es aber nicht. Das Gespräch konzentrierte sich nach Angaben seines Sprechers Robert Gibbs auf drei Schwerpunkte: erstens, den mangelnden Informationsaustausch der beteiligten Dienste und Behörden; zweitens, die Kriterien, nach denen Verdächtige auf die "No-fly"-Liste kommen, jene Personen denen der Flug in die USA verweigert wird; drittens, neue Sicherheitsmaßnahmen, darunter die verschärfte Kontrolle aller Passagiere, die aus den 14 Ländern stammen, die nach amerikanischer Einschätzung den Terrorismus unterstützen.

Es hätten genügend Informationen vorgelegen, um die Anschlagspläne bereits im Vorfeld aufzudecken, kritisierte Obama. Die Hinweise seien aber nicht zu einem Gesamtbild zusammengefügt worden. "Dies war ein Versagen, das im Desaster hätte enden können", sagte er demnach bei dem Treffen. "Es wurde durch mutige Einzelpersonen verhindert und nicht, weil das System funktioniert hat, und das ist nicht akzeptabel."

Die bisherigen Untersuchungen haben ergeben, dass den Behörden eine Reihe von Hinweisen auf Abdulmutallab vorlagen. Wären diese Informationen miteinander verbunden worden, hätte er nach Obamas Worten niemals an Bord gelassen werden dürfen. Sein Vater hatte die US-Botschaft in Nigeria bereits im November gewarnt, dass sein Sohn extreme islamistische Ansichten vertrete und abgetaucht sei, vermutlich im Jemen. Es habe darüber hinaus auch Hinweise gegeben, dass al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel nicht nur amerikanische Ziele im Jemen, sondern auch in den Vereinigten Staaten selbst angreifen wollte.

Hinter verschlossenen Türen wurde Obama nach Angaben eines ranghohen Beamten noch deutlicher. "Wir sind der Kugel entkommen, aber nur knapp", zitierte der Beamte den Präsidenten.

Der 23-jährige Umar Abdulmutallab soll zu Weihnachten versucht haben, in seine Kleidung eingenähten Sprengstoff auf einem Transatlantikflug kurz vor der Landung in Detroit zu zünden. Er wurde jedoch von Passagieren und Besatzungsmitgliedern überwältigt. Der Nigerianer hatte eigenen Angaben zufolge Ausbildung und Sprengsatz von einem Ableger der al-Qaida im Jemen erhalten. Abdulmutallabs Name stand zwar in einer US-Datensammlung von rund 550.000 Personen mit mutmaßlichen Verbindungen zum Terrorismus. Zusätzliche Sicherheitskontrollen oder ein Flugverbot waren jedoch nicht für ihn vorgesehen.

Dem Fernsehsender CNN sagte ein hochrangiger Regierungsbeamter, dass inzwischen neue Kriterien angelegt würden, um Terrorverdächtige an Flügen in die USA zu hindern. Zuvor sei es schwieriger gewesen, einem verdächtigen Kandidaten ein Visa zu verweigern oder ihn auf die No-Fly-Liste zu setzen.

Obama kündigte an, die USA wollten bis auf weiteres keine Gefangenen aus dem Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba in den Jemen zurückführen. Er halte aber an seinem Plan zur Schließung Guantánamos fest. Die Einrichtung des umstrittenen Gefangenenlagers sei eine "ausdrückliche Begründung" für die Bildung des Al-Qaida-Zweiges auf der Arabischen Halbinsel gewesen. Nahezu die Hälfte der 198 Insassen von Guantánamo stammt aus dem Jemen. Dort erhielt auch der verhinderte Attentäter Abdulmutallab eine Terrorausbildung. Wie Obamas Sprecher Robert Gibbs sagte, wurde er stundenlang vom FBI verhört. Dabei habe er "verwertbare" Informationen preisgegeben, die vor Gericht verwendet werden könnten.

Der Führer der oppositionellen Republikaner im Senat, Mitch McConnell, nannte die geplante Schließung Guantánamos einen Fehler. Es bleibe der "richtige Ort" für Terroristen, vor allem jene, die nicht ebenso sicher in einem Drittland verwahrt werden könnten. Obama wird jetzt von zwei Seiten scharf angegriffen. Die Republikaner bemängeln, er gehe nicht hart genug gegen Terroristen vor. Bürgerrechtsvertreter kritisieren, Kontrollen nach nationaler Herkunft seien eine Diskriminierung.

Die heftige Schelte von Obama an den Geheimdiensten ist offenbar angekommen. "Die Geheimdienstgemeinschaft hat die Botschaft verstanden", sagte Geheimdienstkoordinator Dennis Blair. "Wir werden Fortschritte machen, um uns den neuen Herausforderungen zu stellen." Konkrete Maßnahmen, wie der Flugverkehr besser gegen terroristische Bedrohungen geschützt werden könne, wurden aber nicht vorgestellt.