Auf dem Marktplatz des süditalienischen Ortes Rosarno versammelten sich am Morgen etwa 2000 Immigranten, die meisten aus Afrika, um gegen ihre unmenschlichen Lebensbedingungen zu protestieren. "Mehr Schutz gegen die ständige rassistische Gewalt – wir sind nur hier, um zu arbeiten", forderten die aufgebrachten Tagelöhner vom Polizeipräfekten des Ortes. Einige haben Schaufenster eingeschlagen und Mülltonnen umgekippt. Auf einem anderen Platz versammelten sich Hunderte von Einwohnern des Ortes zu einer Gegendemonstration.

Hintergrund der Proteste ist ein Vorfall vom Vortag: Laut Medienberichten hatten Unbekannte am Donnerstagabend aus einem Auto auf mehrere Immigranten geschossen, die gerade von ihrer Arbeit auf den Orangenfeldern heimkehrten. Dabei wurden zahlreiche Menschen verletzt – darunter auch ein politischer Flüchtling aus Togo. Andere Quellen sprachen von Jugendlichen, die aus einem Auto heraus mit Luftgewehren auf eine Gruppe von afrikanischen Landarbeitern geschossen haben.

Daraufhin blockierten zwischen 120 und 150 Einwanderer noch am späten Abend die Landstraße in die weiter südlich gelegene Stadt Gioia Tauro. Ein Teil zog nach Polizeiangaben randalierend ins Ortszentrum von Rosarno. Autos wurden in Brand gesetzt, Schaufenster eingeschlagen und ausgeräumt. Erst nach mehreren Stunden gelang es der Polizei, die Revolte unter Kontrolle zu bringen. Unter der Bevölkerung kam es zu zwei Verletzten.

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie die aufgebrachte Menge Mülleimer anzündete und mit Eisenstangen und Steinen auf Autoscheiben einschlug. Nach Polizeiangaben wurde auch mindestens ein Auto angegriffen, in dem Menschen saßen. Es habe mehrere Verletzte gegeben. Außerdem kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Es gab mehrere Festnahmen.

Schulen und Läden blieben geschlossen. Obwohl es Dutzenden von Polizei- und Carabinieri-Einheiten zunächst gelang, die Situation unter Kontrolle zu halten, sprachen Beobachter am Freitag von einer "extrem angespannten" Situation.

Das, was in Rosarno geschieht, ist das Ergebnis eines Klimas fremdenfeindlicher und mafioser Intoleranz.
Kalabriens Gouverneur Agazio Loiero

Im 16.000 Einwohner zählenden Rosarno leben circa 5000 Immigranten – zum Großteil aus Afrika. In der Gegend setzen Obst- und Gemüsebauern Flüchtlinge als Erntehelfer ein. Sie wohnen unter katastrophalen Bedingungen in ehemaligen Fabriken oder einfachen Baracken, teils ohne Strom oder fließendes Wasser. Sie leben ohne Matratzen und Licht, oftmals mit nicht mehr als einer chemischen Toilette für 200 Menschen.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von Ausbeutung durch organisierte Verbrecherbanden. Von ihrem Tagelohn von durchschnittlich 20 Euro behalte die örtliche Mafia fünf Euro "Aufenthaltssteuer" ein, hieß es. Die Behörden gingen davon aus, dass es sich bei den Angreifern um Mitglieder der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta handelte. Wahrscheinlich wollten sie Tagelöhner bestrafen, die kein Schutzgeld bezahlt hatten.

"Das, was in Rosarno geschieht, ist das Ergebnis eines Klimas fremdenfeindlicher und mafioser Intoleranz", kommentierte der Präsident der Region, Agazio Loiero. Innenminister Roberto Maroni der ausländerfeindlichen Regierungspartei Lega Nord verurteilte den Vorfall als "Ergebnis einer jahrelangen verfehlten Einwanderungspolitik".