Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammad Omar, gebrauchte starke Worte. In "naher Zukunft" würden die Isaf-Truppen unter Einschluss der Bundeswehr eine gigantische Offensive beginnen. Eine Offensive wie die Operation "Muschtarak", an der derzeit rund 15.000, hauptsächlich britische und US-amerikanische Soldaten in der südafghanischen Provinz Helmand beteiligt sind. Die Regierung sei "entschlossen, im Norden und Nordosten keinen Platz für die Feinde zu lassen." Die Offensive werde so lange dauern, bis die Taliban vollständig besiegt seien. Er riet ihnen, aufzugeben. "Das ist ihre letzte Chance zu atmen, bevor sie aus ihren Gegenden vertrieben werden."

Doch wenig ist wahr an den Worten des Gouverneurs. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, man werde weiterhin militärische Operationen durchführen, aber keinesfalls in der Größenordnung der Helmand-Offensive. Auch im Verteidigungsausschuss des Bundestages gab man sich überrascht über Omars Behauptungen. Der Gouverneur habe wohl eher seine Wünsche geäußert, hieß es. Omar sei ein Lautsprecher, schimpfte ein Abgeordneter gar. Er solle sich lieber darum kümmern, Vertrauen bei seinen Leuten zu gewinnen. Erst vor wenigen Wochen hatte sich der Gouverneur beschwert, der Einsatz der Bundeswehr in Kundus sei "wirkungslos".

Der Isaf-Sprecher in Kundus mag Omars Worte nicht kommentieren. Lieber spricht er über das Wetter. Spät sei in Kundus der Winter ausgebrochen, viel später als erwartet. "Viele der kleinen Pfade abseits der wenigen Hauptstraßen sind kaum passierbar", sagte er ZEIT ONLINE. Die unscheinbaren, aber für die Afghanen so wichtigen kleinen Brücken wolle man mit den schweren Bundeswehrfahrzeugen nicht gefährden. Die Armee habe die Operationsführung reduziert und beschränke sich auf Patrouillengänge und die Ausbildung der Sicherheitskräfte. Auch die Aufständischen kämen zu dieser Jahreszeit schließlich nur selten aus der Deckung. Die größte Gefahr gehe von den vielen Sprengfallen aus, die die Aufständischen gelegt hätten.

Bald, wenn der Schnee taue, würden deutsche und afghanische Truppen wieder Operationen gegen die Taliban beginnen. Allerdings in Kompanie- nicht in Divisionsstärke. "Was hilft uns ein Einsatz mit der Brechstange? Die Aufständischen legen ihre Waffen nieder, wenn wir kommen. Und wenn wir gehen, nehmen sie sie wieder in die Hand" sagte der Isaf-Sprecher.  Wichtiger sei es, in kleinen Schritten vorzugehen. Heißt: Ein einmal besetztes Gebiet auch zu halten und möglichst bald den afghanischen Sicherheitskräften zu übergeben. Schließlich müsse man die Zivilbevölkerung auf Seiten der Isaf halten. Denn ein bedeutender Teil der Aufklärung laufe über Hinweise aus der Bevölkerung. "Wir gehen täglich raus und versuchen, mit den Afghanen Kontakt zu halten."

Der Offizier gibt sich optimistisch, doch die Bedrohung durch Aufständische bleibt akut. In einem aktuellen Dokument des Verteidigungsministeriums ist Afghanistan je nach Gefährdungsgrad grün, gelb, orange oder rot markiert. Ein Teil des Einsatzgebietes der Bundeswehr in der Region Kundus ist orange eingefärbt – eine Zone mit "erheblicher Bedrohungslage".

Deshalb ist klar, dass es im Frühjahr wieder Offensiven geben wird – wie in den vergangenen Jahren. Mehr als in der Vergangenheit wird dann aber die Frage im Vordergrund stehen, wie dabei mit der Zivilbevölkerung umgegangen wird. Denn eines ist klar: Die Afghanen müssen die Mission unterstützen, damit sie Aussicht auf Erfolg hat. Die USA nahmen deshalb ein erhebliches Risiko für ihre Soldaten in Kauf, als sie die Zivilbevölkerung vor Beginn der Großoffensive "Muschtarak" warnten. Denn jetzt haben sie mit den Sprengfallen zu kämpfen, die die ebenfalls informierten Taliban ausgelegt haben. "Die kommen nur millimeterweise voran", sagt der grüne Obmann im Verteidigungsausschuss, Omid Nouripour. "Aber das ist alternativlos."