Das Regierungsgebäude aus Kolonialzeiten in Ayutla ist heruntergekommen. Es dient gleichzeitig als Bürgermeistersitz, Postamt und Gefängnis. Im schäbigen Besuchszimmer empfängt der Häftling Raúl Hernández zum Interview. Nachdenklich blickt er durch das vergitterte Fenster auf den bunten Markt der südmexikanischen Stadt, wo Zitrusfrüchte, Mais und Bohnen zum Verkauf ausliegen. All das baute auch Hernández auf seinem Land an, bis ihn Soldaten vor fast zwei Jahren ins Gefängnis steckten. Seither teilt er mit 30 weiteren Häftlingen eine enge Zelle. "Ich bin unschuldig." Diesen Satz wiederholt der kleine, stämmige Mann vom Volk der Me'phaa immer wieder.

Hernández ist einer der Fälle, mit denen sich ab Freitag die Mexiko-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin befasst. Die grüne Denkfabrik weist besorgt auf die "Politik der harten Hand" von Mexikos Präsident Felipe Calderón hin. Nach seinem Amtsantritt 2006 erklärte der konservative Christdemokrat den Drogenkartellen den Krieg und mobilisierte rund 45.000 Soldaten und Bundespolizisten. Seither schlagen die Kartelle mit Brutalität zurück. Mehr als 7700 Menschen verloren dabei vergangenes Jahr ihr Leben. Die blutigen Massaker machen weltweit Schlagzeilen.

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Weniger bekannt ist dagegen die Brutalität, mit der Mexikos Armee ihren sogenannten Drogenkrieg führt. Davon erzählt der Häftling Hernández. Er gehört zu den Ureinwohnern Guerreros, so wie die meisten Kleinbauern in den kargen Bergen des südmexikanischen Bundesstaates von der Größe Bayerns. Sie leben in extremer Armut, vergessen von der Regierung. Umworben werden sie höchstens von Drogenkurieren aus Kolumbien, die gerne an Guerreros Pazifikküste anlanden und nach Wegen zum Weitertransport ihrer heißen Ware suchen. Guerrero ist der ideale Ort, um willige Helfer zu rekrutieren. 42 Prozent seiner Einwohner sind nach offizieller Statistik unterernährt.

Hernández hat nichts mit Drogenhändlern zu tun. Er gehört zu denen, die sich die Armut nicht mehr gefallen lassen. Darum schloss er sich der "Organisation des Indigenen Me'phaa-Volkes" (OPIM) an. Fragt man ihn, ob er ein Menschenrechtsaktivist ist, schaut er fragend. Er spricht zwar spanisch, doch die für ihn fremde Sprache will nicht recht fließen. Schließlich sagt er, er fordere lediglich das Nötigste für sein Dorf: Gesundheitsversorgung und Lehrer, Dünger und Baumaterialien.

Die lokale Regierung reagiert auf die Forderungen der Indios genauso, wie es bereits die Spanier bei der Eroberung Guerreros vor fast 500 Jahren taten. Sie schickt die Armee. Die Soldaten verwüsten die Felder der als aufmüpfig geltenden Bauerndörfer um Ayutla, vergewaltigen Frauen, durchsuchen widerrechtlich Häuser, drohen und prügeln. Das "Zentrum Tlachinollan", eine in Guerrero aktive Menschenrechtsgruppe, hat 109 Fälle von schweren Menschenrechtsverletzungen akribisch dokumentiert.

Rechtsanwalt Rogelio Teliz, der sich um Hernández kümmert, bezeichnet den militärischen Antidrogenkampf in Mexiko als "Vorwand für mehr Repression". Und die bleibt straffrei. Denn für Verbrechen von Soldaten ist in Mexiko die Militärjustiz zuständig. Sie spricht die Angeklagten in der Regel frei.

Die US-Organisation Human Rights Watch bemängelte in ihrem vor zwei Wochen präsentierten Jahresbericht eine deutliche Verschlechterung der Menschenrechtslage in Mexiko. Schuld daran sei die Militärjustiz, die Verbrechen der Soldaten durchgehen lasse.