Dmitrij Medwedjew kommt nicht. Der russische Präsident will die Unabhängigkeit der baltischen Staaten von der Sowjetunion nicht feiern, die sich am 11. März zum 20. Mal jährt. Das ist nicht ungewöhnlich. Ein ungewöhnlich gutes Zeichen für die russisch-baltischen Beziehungen ist vielmehr, dass Medwedjew seiner litauischen Kollegin Dalia Grybauskaite immerhin höflich absagte, Glückwünsche ausrichten ließ und sogar seinen Verkehrsminister Igor Levitin nach Vilnius schickt.

Valdis Zatlers kommt. Der lettische Präsident feiert erst in Vilnius die Singende Revolution der Balten – und am 9. Mai in Moskau das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ersteres versteht sich von selbst, letzteres stößt den Nachbarn in Estland und Litauen sowie vielen Letten sauer auf: Mit Kriegsende begann die Zeit der Zugehörigkeit zur Sowjetunion – aus Sicht der meisten Balten ein Martyrium, schlimmer als der Krieg.

Auch vor fünf Jahren, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, war ein lettisches Staatsoberhaupt zu den Feiern nach Moskau gefahren. Die damalige Präsidentin Vaira Vike-Freiberga nutzte allerdings die Aufmerksamkeit, um in Reden und Interviews zu betonen, dass für die Balten der Krieg erst 1994 zu Ende war, als der letzte russische Soldat das Baltikum verließ. Für den Kreml ein Affront: Der Große Vaterländische Krieg ist den Russen heilig – samt der angeblichen Leistungen Josef Stalins, wie die Debatte um Plakate mit dem Konterfei des Diktators in Moskau zeigt.

Im Baltikum dagegen leben in vielen Familien noch Großeltern, Onkel und Tanten, die in den vierziger und fünfzier Jahren wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit enteignet und deportiert wurden und erst Jahre später zurückkehren durften. Im Gegenzug wurden Russen angesiedelt. Wenn im Baltikum jemand von Genozid spricht, meint er meist diese "ethnische Säuberung", nicht den Holocaust. Der Massenmord an den Juden war im Baltikum so effektiv, dass kaum jemand übrig ist, der diesen Aspekt in Erinnerung ruft.

Deshalb also feiern die Balten lieber ihre mühsam erstrittene Unabhängigkeit als das Ende des Zweiten Weltkrieges. Litauen erklärte sich am 11. März 1990 als erste Sowjetrepublik für souverän, Letten und Esten folgten am 4. und 8. Mai. Die Moskauer Führung unter Michail Gorbatschow reagierte mit Gewalt, verhängte zunächst ein Wirtschaftsembargo und schickte dann Panzer.

Am Blutsonntag von Vilnius, dem 13. Januar 1991, starben 14 Menschen, Hunderte wurden verletzt in der friedlichen Menge, die Parlament und Fernsehturm gegen die sowjetischen Truppen verteidigte. Als erstes Land erkannte Island danach Litauens Unabhängigkeit an; bei der Feier zum 20. Jahrestag sind Vertreter Reykjaviks jetzt als Ehrengäste eingeladen. Erst nach dem gescheiterten Putsch in Moskau vom August 1991 zogen die anderen westlichen Staaten nach.

Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite hatte einen möglichen Besuch der Moskauer Feiern des Kriegsendes mit dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung verknüpft: "Warten wir es mal ab", sagte sie, "wenn Medwedjew oder Putin nach Vilnius kommen, fahre ich anschließend auch nach Moskau." Der Moskauer Verkehrsminister wird sie wohl nicht zur Teilnahme bewegen können.

Dass Zatlers das anders sieht, dürfte auf eine gezielte Strategie der Russen zurückgehen. Premier Wladimir Putin hatte den lettischen Präsidenten am Rande einer Ostseekonferenz in Helsinki eingeladen – als einzigen aus der Reihe der baltischen Regierenden: Allzu große Einigkeit zwischen den drei ehemaligen Teilstaaten der Sowjetunion liegt nicht im strategischen Interesse Moskaus.

Zatlers begründet seine Teilnahme an den Feiern denn auch mit der Hoffnung auf ein besseres Verhältnis zu Russland. Seine Sprecherin erklärte, "wir haben unsere Sicht der Geschichte und der sowjetischen Okkupation nicht geändert, aber es ist auch wichtig zu zeigen, dass Lettland ein reifes Mitglied von EU und Nato ist". Dafür müsse man auf "antirussische Rhetorik" verzichten.

Estlands Präsident Toomas Henrik Ilves soll zwar angedeutet haben, dass er eine Einladung aus Moskau annehmen würde. Doch seit Tallinn vor drei Jahren ein russisches Kriegerdenkmal aus seiner Innenstadt entfernte, ist das Verhältnis zu Moskau frostig.

Der Jubel über die Unabhängigkeit ist an diesem Jahrestag ohnehin gedämpft: Die Wirtschaftskrise hat das Baltikum schwer getroffen. Litauens Ministerpräsident Andrius Kubilius erinnerte seine Landsleute jetzt daran, dass es vor 20 Jahren noch viel schlimmer aussah: Damals ließen erst die Blockade, dann der Zusammenbruch der sowjetischen Strukturen das ohnehin schwache Sozialprodukt um die Hälfte schwinden – 2009 fiel die Wirtschaftsleistung "nur" um 18 Prozent.

Doch die baltischen Staaten haben seither einen Wirtschaftsboom erlebt und spüren die jetzige Krise viel härter als die Not der Umbruchzeit, die von der Freude über die Unabhängigkeit überdeckt wurde. Das könnte Populisten Wähler in die Arme treiben – es wäre nicht das erste Mal; die jungen Demokratien sind anfällig dafür. Aber vielleicht haben die Balten in den neunziger Jahren auch gelernt, bei enger geschnallten Gürteln die Zähne aufeinanderzubeißen: Als die Regierungen in Vilnius, Riga und Tallinn ähnlich harte Sparschritte verordneten wie jene, die in Griechenland jetzt zu Generalstreiks führen, blieb es bei vereinzelten Protesten.