Im Prozess um den schlimmsten Völkermord in Europa seit dem Holocaust hat der angeklagte Ex-Serbenführer Radovan Karadžić alle Schuld von sich gewiesen. Stattdessen warf der 64-Jährige bosnischen Muslimextremisten sowie indirekt auch westlichen Staaten vor, den Krieg provoziert zu haben. Auch Deutschland trage Schuld am Tod Zehntausender Menschen.

Karadžić erklärte, Hauptursache des Bürgerkrieges sei gewesen, dass die Führung der bosnischen Muslime – namentlich der damalige Präsident von Bosnien Herzegowina, Alija Izetbegovic – "100 Prozent Kontrolle über Bosnien" gewollt habe. "Schon von 1991 an wollten sie ein islamisch-fundamentalistisches Regime errichten", sagte der wegen Völkermordes angeklagte Karadžić, als er seine Verteidigungsstrategie vor dem UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag erläuterte. Vorschläge der Serben zu Gebiets- und Machtteilungen seien zurückgewiesen worden. Angesichts dessen hätten die Westmächte und auch der US-Sonderbeauftragte für den Balkan, Richard Holbrooke, versagt.

Dem Westen warf Karadžić unter anderem vor, die bosnischen Muslime unter Verletzung eines internationalen Embargos heimlich mit Waffen versorgt zu haben. Den Deutschen wies er eine indirekte Mitschuld an den Bürgerkriegen auf dem Balkan zu. So habe sich die maßgeblich von der Bundesregierung betriebene "voreilige" Anerkennung der einst zu Jugoslawien gehörenden Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und Bosnien als folgenschwer erwiesen. Ein Beweggrund für Deutschland sei gewesen, dass es im Zweiten Weltkrieg mit den kroatischen Faschisten verbündet gewesen sei, behauptete Karadžić.

Seine eigene Kriegsführung nahm Karadžić dagegen in Schutz. Die von ihm geführten bosnischen Serben hätten "einen gerechten und heiligen Krieg" geführt, der ihnen aufgezwungen worden sei. Alle Konflikte nach dem Zusammenbruch des früheren Jugoslawiens hätten ihre Ursachen darin, dass Serben, Kroaten und Muslime um Land kämpften. "Jugoslawien konnte nur durch einen Krieg aufgeteilt werden." Aber nur die Taten der Serben würden als Verbrechen behandelt, sagte Karadžić weiter. Neben vielen anderen westlichen Politikern habe, so Karadžić, damals auch US-Außenminister James Baker öffentlich eingeräumt, dass Bürgerkriege in Jugoslawien kaum vermeidbar seien. Dieser Situation hätten sich die bosnischen Serben im Interesse ihrer eigenen Verteidigung stellen müssen.

Karadžić betonte, er verteidige die Würde der bosnischen Serben, "die Größe einer kleinen Nation", und damit auch sich selbst. "Ich werde diese Nation verteidigen, deren Sache gerecht und heilig ist", sagte der 64-Jährige. "Wir haben einen starken Fall, wir haben gute Beweise."

Bisher hatte der wegen Völkermordes angeklagte ehemalige Serbenführer stets die Aussage verweigert und die Zuständigkeit des Tribunals bestritten. Nach dem Boykott des Prozessauftaktes im vergangenen Oktober sowie wiederholten Verzögerungen durch immer neue Verfahrensanträge äußerte sich Karadžić nun erstmals inhaltlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen.

Der Angeklagte trug die vorbereitete Stellungnahme in Serbokroatisch vor. Dabei sprach er häufig von sich selbst in der dritten Person. Seine Behauptungen versuchte er unter anderem mit Videos und Tonbandmitschnitten zu untermauern. Hinter ihm saß sein vom Gericht bestellter Pflichtverteidiger Richard Harvey. Dieser soll Karadžićs Verteidigung übernehmen, sollte dieser wie im Herbst den Prozess boykottieren oder das Verfahren behindern.

Der frühere Serbenführer ist vor dem UN-Tribunal wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in elf Fällen angeklagt. Er soll einer der Hauptverantwortlichen für den gewaltsamen Tod Zehntausender und für die Vertreibung von etwa zwei Millionen Menschen während des Bosnienkrieges sein. Vor allem wird ihm das Massaker an etwa 8000 Muslimen in der UN-Schutzzone Srebrenica 1995 zur Last gelegt.

Staatsanwalt Alan Tieger hatte Karadžić bei der Eröffnung des Prozesses im Oktober vergangenen Jahres vorgeworfen, er habe "die Kräfte des Nationalismus, des Hasses und der Angst zielgerichtet eingesetzt, um seine Vision eines ethnisch geteilten Bosnien zu verwirklichen". Der Angeklagte, der die Prozesseröffnung boykottiert hatte, erklärte nun, von einer Verschwörung der Serben zur Vertreibung oder Vernichtung der bosnischen Muslime und Kroaten könne keine Rede sein. "Wie kann die Staatsanwaltschaft annehmen, dass die Richter so etwas glauben werden?"

Die erste Anklage gegen Karadžić ist von 1995, die Justiz erhob sie in Abwesenheit. Nach jahrelanger Flucht war der studierte Psychiater im Juli 2008 festgenommen und an das UN-Tribunal in Den Haag überstellt worden. Ihm droht lebenslange Haft. Weil Karadžić stets verweigerte, sich zu den Vorwürfen zu äußern, interpretierte das Gericht dies formell als Plädoyer auf "unschuldig".

Wiederholte Anträge des früheren Serbenführers, das Verfahren einzustellen, weil ihm seinerzeit durch den US-Unterhändler Holbrooke Straffreiheit im Gegenzug zu seinem Untertauchen zugesichert worden sei, wies das Gericht zurück. Zur Begründung hieß es, selbst wenn es ein solches Versprechen gegeben haben sollte, wäre es für das UN-Tribunal irrelevant. Holbrooke, der heute US-Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan ist, hat einen solchen Deal mit Karadžić mehrfach dementiert.