In der Union regt sich heftiger Widerstand gegen die Vorwürfe aus den Reihen der Opposition, die Kanzlerin habe die Aufklärung der Kundus-Affäre blockiert. Für Unmut sorgt vor allem, dass nun auch die SPD fordert, Angela Merkel vor den Kundus-Untersuchungsausschuss befragen zu lassen.

Unions-Fraktionsvize Andreas Schockenhoff wies die Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zurück und warf den Sozialdemokraten Wahlkampftaktik vor. Merkel habe am 6. September und in den folgenden Tagen öffentlich auf die Möglichkeit ziviler Opfer bei dem Luftangriff hingewiesen. "Die Behauptung, Angela Merkel sei mit der Bombardierung bei Kundus und ihren Folgen nicht offen umgegangen, ist bösartig." Der SPD gehe es nur darum, Merkel im Wahlkampf vor der Abstimmung in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai anzugreifen. "Die SPD betreibt das Spiel der Taliban", sagte Schockenhoff.

Gleichzeitig warnte der CDU-Politiker davor, mit dieser Debatte den Soldaten im Einsatz zu schaden. Schließlich werde nicht nur in Deutschland, sondern auch in Afghanistan genau beobachtet, wie über das Thema gesprochen werde.

Die Sozialdemokraten hatten sich zuvor einer Forderung von Grünen und Linken angeschlossen, die Kanzlerin solle vor dem Gremium Stellung nehmen. Die Hauptfrage sei dabei, wann sie welche Informationen zum Bombardement zweier Tanklaster in Afghanistan hatte. "Es gibt Fragen, die letztlich nur die Kanzlerin beantworten kann", sagte der SPD-Obmann im Ausschuss, Rainer Arnold, der Bild-Zeitung.

Hintergrund ist eine erst jetzt aufgetauchte E-Mail, aus der hervorgeht, dass das Kanzleramt schon am Morgen des 4. September 2009 Hinweise auf zivile Opfer des von der Bundeswehr angeforderten Luftangriffs hatte. Ein Regierungssprecher hatte dazu mitgeteilt, bei der E-Mail habe es sich um eine "unverbindliche Erstinfo" des Bundesnachrichtendienstes (BND) mit einer als Anlage übermittelten Nachricht der BBC News gehandelt. Die Mail sei wie auch alle weiteren relevanten Unterlagen des Kanzleramts dem Untersuchungsausschuss übergeben worden.

Die Opposition kann Merkel auch ohne Zustimmung der schwarz-gelben Koalition vor den Untersuchungsausschuss laden. Ab Mai werden Koalition und Opposition von Sitzung zu Sitzung abwechselnd über die Zeugen entscheiden. Ob die Kanzlerin noch vor der Sommerpause geladen wird, ist noch unklar. Als nächster Zeuge ist Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) für den 22. April terminiert. Er war durch unterschiedliche Aussagen zur militärischen Angemessenheit des Luftschlags in die Kritik geraten.

Der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, warf Merkel Versäumnisse bei der Aufklärung Bombardements vor. Er sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung, im Kanzleramt seien wenige Stunden nach dem Luftschlag Informationen über zivile Opfer angekommen. "Nach dem größten Angriff deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg hätte sich die Kanzlerin natürlich sofort kümmern müssen." Das Kanzleramt habe alle Möglichkeiten, die Frage, ob und wieviele Zivilpersonen verletzt oder getötet worden seien, zu klären.

Durch den Angriff im afghanischen Kundus am 4. September wurden bis zu 142 Menschen getötet, darunter auch Zivilisten. Merkel hatte die Existenz ziviler Opfer nicht verneint, sich aber erst Tage nach dem Luftangriff zu dem Vorfall geäußert.

Derweil berichtet der Spiegel unter Berufung auf Akten des Verteidigungsministeriums, dass die Behörde unter damaliger Führung von Franz Josef Jung (CDU) nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Justiz Informationen bewusst vorenthielt. Der Rechtsberater des Einsatzführungsstabs habe Mitte September in Abstimmung mit der Abteilung Recht des Ministeriums verfügt, dass der Staatsanwaltschaft wichtige Dokumente zum Tathergang "nicht übermittelt werden" sollten, schreibt das Magazin.

Entsprechend sei auch der sogenannte Feldjägerbericht, der die Erkenntnisse der Militärpolizei in Kundus enthielt, der Ermittlungsbehörde vorenthalten worden. Am 1. Oktober hätten drei Juristen aus Einsatzführungsstab, Einsatzführungskommando und Verteidigungsministerium beschlossen, "eine Weitergabe des Berichts an die Generalstaatsanwaltschaft Dresden zunächst" zurückzustellen, heißt es in dem Bericht. Die Justizbehörde hatte damals Vorermittlungen gegen Bundeswehr-Oberst Georg Klein durchgeführt, der das Bombardement angeordnet hatte. Mittlerweile ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen den Soldaten wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen.