Die Züge rattern im Minutentakt herein, aber sonst ist es seltsam still in der Metrostation Lubjanka. Niemand wagt es, sich laut zu unterhalten, hier wo am Montagmorgen in einem Metrowaggon die erste von zwei Bomben explodierte und Dutzende Menschen in den Tod riss. Um den Blumentisch an einer der Marmorwände hat sich eine dicke Menschentraube gebildet.

Unter einem Berg aus roten Rosen und Nelken ist ein Tisch begraben, doch aus jeder neuen Bahn drängen Männer und Frauen, um weitere Sträuße abzulegen und Ikonen aufzustellen. Mit gereckten Armen versuchen Passanten, das Blumenmeer auf einem Handyfoto zu verewigen. Ein Mann kniet nieder und spricht ein Gebet. "Vergib ihnen ihre Schuld", sagt er. Viele bekreuzigen sich.

Am Rande der Szene stehen ein bisschen verloren Irina und Nadjeschda, mit lachsfarbenen Nelken und Taschentüchern in den Händen. Die Freundinnen sind gekommen, um dem Cousin einer Bekannten die letzte Ehre zu erweisen. Er fuhr gestern mit der Metro zur Arbeit, wie jeden Tag, und saß im Waggon einer der beiden Selbstmordattentäterinnen, die der russische Geheimdienst FSB inzwischen für die Anschläge verantwortlich macht. Heute haben auch Irina und Nadjeschda wieder die Metro genommen – obwohl sie große Angst haben. "Aber wie hätten wir denn sonst herkommen sollen?", fragen die jungen Moskauerinnen.

So geht es vielen Pendlern in der russischen Hauptstadt am Tag nach dem Schrecken. Sie sind auf die Metro angewiesen, das schnellste und billigste Verkehrsmittel in einer Stadt, in der die Straßen ständig verstopft sind und Fahrradfahren einem Selbstmordversuch gleichkommt. Bis zu neun Millionen Menschen benutzen täglich die Züge der Metro. Sie anzuhalten, heißt, die ganze Stadt zum Stillstand zu bringen. Selbst nachdem die erste Bombe am Montagmorgen den Zug an der Station Lubjanka zerriss, fuhr deshalb der Verkehr auf der Gegenseite weiter. Erst als eine Dreiviertelstunde später auf derselben Strecke, an der Station Kulturpark, eine zweite Bombe zündete, wurde die Linie zumindest teilweise gesperrt.

Schon am Abend rollte der Verkehr wieder überall und am Dienstagnachmittag, noch bevor die Leichen aller inzwischen 39 Todesopfer identifiziert werden konnten, staut sich vor den Rolltreppen der Menschenstrom schon wieder wie an einem gewöhnlichen Moskauer Wochentag. Aber die Stimmung in den Zügen ist gespannt. "Es war ganz komisch, heute in die Metro zu steigen", sagt die Mittfünfzigerin Olga, die jeden Tag ins Zentrum fährt. "Alle haben sich gegenseitig misstrauisch beobachtet. Die Leute haben Angst." Wenn sie ausweichen könnte auf ein Taxi, die Kindergärtnerin hätte es gerne getan. "Aber das kann ich mir nicht leisten." Nach den Anschlägen haben viele Fahrer die Preise noch erhöht.

Die russische Regierung will ihren Bürgern nun mit aller Macht das Gefühl der Sicherheit zurückgeben. Der Kampf gegen den Terrorismus werde fortgesetzt und es werde eine "strenge Kontrolle der Situation" geben, "ohne die Reche der Bürger zu verletzen", hatte der russische Präsident Dmitrij Medwedjew nach den Anschlägen versprochen. Sofort wurden Hunderte zusätzlicher Polizisten mit Hunden in und um die Metrostationen ausgestellt. Doch viele Moskauer fühlen sich deshalb nicht sicherer."Helfen kann dir sowieso niemand", klagt Wladimir, ein pensionierter Ingenieur in schwarzer Lederjacke, resigniert. "Wenn die noch eine Bombe zünden wollen, dann kann man sie davon nicht abhalten."