Zur besten Sendezeit veranstaltete der Tifliser Sender Imedi am vergangenen Samstagabend ein besonderes Experiment am georgischen Fernsehvolk: In einer zwanzigminütigen Reportagesendung berichteten sichtlich bewegte Journalisten von einem erneuten Einmarsch russischer Truppen. Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew, so suggerierten Bilder mit georgischer Übersetzung, nannte seinen Tifliser Amtskollegen Michail Saakaschwili "einen politischen Leichnam und internationalen Verbrecher und Terroristen". Wenig später vermeldete ein Ansager, Saakaschwili sei getötet und die Macht im Land von einer Oppositionsregierung übernommen worden. Nur ein Satz vor und nach der bedrohlichen Sondersendung klärte den Zuschauer auf, dass es sich um ein erdachtes Geschehen handelte.

Die Meldung von russischen Bombenangriffen auf die Hauptstadt Tiflis führte bei vielen Zuschauern zur Panik. Sie reihten sich in lange Schlangen vor den Tankstellen ein, kauften die Mehlregale in Supermärkten leer. Einige mussten gar den Krankenwagen rufen lassen — mit Verdacht auf Herzinfarkt. Der simulierte russische Einmarsch wirkte bei weitem nicht so fantastisch wie einst der Angriff der Marsmenschen, mit dessen Schilderung im Radio-Hörspiel der junge Orson Welles 1938 in den USA schon eine kleine Schockwelle auslöste.

Das Trauma des Südossetienkrieges vom Sommer 2008, als die russischen Panzer kaum 40 Kilometer vor Tiflis zum Stehen kamen, liegt in Georgien noch immer an der Oberfläche des Bewusstseins. Manche erwarteten die fremden Truppen damals mit dem Jagdgewehr oder Molotowcocktail zum Straßenkampf, andere schlossen sich bangend zu Hause ein oder flohen ins benachbarte Aserbajdschan. Diese Tage der Angst bleiben bis heute unvergessen. Sie lassen sich auch in der Innenpolitik jederzeit nutzen. Denn die Imedi-Sendung sprach von den Russen und meinte vor allem Saakaschwilis Kampf gegen die Opposition.

Der Sender, dem ein enger Vertrauter des Präsidenten vorsteht, dürfte den hochpolitischen Reportagebluff kaum ohne das Wissen Saakaschwilis veranstaltet haben. Dem Präsidenten sind solche riskanten Politmanöver nicht erst seit dem Harakiri-Krieg um Südossetien vor anderthalb Jahren zuzutrauen. Schon im November 2007 überraschte er, nachdem die Polizei mit Knüppeln blutig alle Straßenproteste der Opposition verjagt hatte, indem er Neuwahlen ankündigte. Der Überrumpelungs-Coup gegen die Opposition gelang, und er triumphierte mit der absoluten Mehrheit der Stimmen.

Nach der Sendung vom Samstag meldete sich Saakaschwili pflichtgemäß zu Wort. Er kritisierte, dass sie nicht als Fiktion gekennzeichnet war und beklagte, dass sie seiner Großmutter einen gehörigen Schrecken eingejagt habe. Aber er sagte auch, dass sie in "maximaler Nähe zu einer möglichen Entwicklung der Ereignisse" stehe.

Imedis Sendung war als Lehrstück angelegt, welches Verderben die Opposition über Georgien bringen könnte: Chaos und Landesverrat. Saakaschwilis Helfer haben mit dieser Botschaft, die in landesüblicher Weise dramatisch aufgepumpt wurde, leichtes Spiel. Denn ein glaubwürdiges Angebot einer rationalen und bedachten Politik an die georgische Bürgerschicht kann die georgische Opposition nicht liefern. Sie tritt wie eine Fußballmannschaft von elf selbst ernannten Stars an, die jedes Spiel verliert. Leidenschaft und Eigensucht ersetzen Konzepte und Teamgeist. "Wir könnten viele Länder mit Möchtegern-Präsidenten beliefern", scherzt der Schriftsteller Guram Odischaria.

Viele Georgier verdächtigen die führenden Oppositionellen, mit dem angeblich demokratisch gesinnten Widerstand gegen Saakaschwili vor allem ein Geschäftsmodell für die Mehrung von Macht und Ruhm zu bemänteln; ein Ziel, für dass sie zur Not auch russische Unterstützung anpeilen würden. Die Höflichkeitsbesuche der früheren Parlamentspräsidentin Nino Burdschanadse und des Ex-Premierministers Surab Nogaideli vor Kurzem in Moskau bekräftigten diese Skepsis.

Die Skandalsendung zeigt aber zugleich, dass sich Saakaschwili trotz der Schwäche seiner Gegner der eigenen Stärke nicht mehr sicher fühlt. In Tiflis, wo ein Drittel der Georgier lebt, steht am 30. Mai eine wegweisende Bürgermeisterwahl an. Sie ist die letzte Chance für die Opposition, ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln und Siegen zu beweisen. Das Bürgermeisteramt wäre ein Etappensieg auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl 2013.

Entsprechend schloss das Fernsehszenario des russischen Einmarsches an die Tifliser Wahl im kommenden Mai an. "Die Oppositionskräfte, die bei der Bürgermeisterwahl eine Niederlage hinnehmen mussten, haben Saakaschwili zum Vogelfreien erklärt", meldete der Fernsehsprecher am Samstag. "Sie haben eine Volksregierung gebildet und die internationale Gemeinschaft gebeten, bei der Befreiung vom Tyrannen Saakaschwili zu helfen." So wird der Präsident als einziger Schutzherr gegen russische Fremdherrschaft in Stellung gebracht. Zugleich brandmarkt das Imedi-Szenario eine mögliche Demonstrationswelle der Opposition nach dem 30. Mai bereits heute als prorussisch.

"Schon Lermontow hat beschrieben, dass wir Georgier eher poetisch und schauspielerisch veranlagt sind", sagt Odischaria. "Wir lieben es, kleine Spektakel aufzuführen." Die Fernsehsendung vom Samstag war ein Großspektakel zugunsten des Präsidenten. Ob es den gewünschten Erfolg bringt, ist fraglich. Denn viele Georgier sind des Präsidenten und seiner Vabanque-Einsätze langsam müde. Der Wunsch nach einem ruhigen, sachbezogenen Politiker könnte die Liebe zum Charismatischen übertönen. Das wäre ein wahres Verdienst Saakaschwilis, wenngleich ein ungewolltes.