Die Polizei in Saudi-Arabien hat nach eigenen Angaben 101 mutmaßliche Al-Qaida-Terroristen festgenommen. Sie sollen Selbstmordanschläge auf die Ölindustrie vorbereitet haben, erklärte der Sprecher des Innenministeriums, General Mansur al-Turki, am Mittwoch dem Nachrichtensender Al-Arabija. Nach seinen Angaben standen die Anschläge auf Ölanlagen im Osten des Königreiches unmittelbar bevor. Unter den Verhafteten seien 47 Saudis und 51 Jemeniten. Die übrigen drei Personen stammen aus Somalia, Eritrea und Bangladesch, hieß es. Die Terrorzellen, die zum Teil nicht in Kontakt miteinander standen, seien von der Al-Qaida-Führung im benachbarten Jemen gelenkt worden, sagte al-Turki. Beschlagnahmt wurden auch zahlreiche Waffen, Computer und Mobiltelefone.

Die spektakuläre Verhaftungswelle zeigt, dass der Aktionsradius von al-Qaida in Saudi-Arabien in letzter Zeit wieder gewachsen ist – seitdem ihre Führung vom Jemen aus operiert. In den letzten vier Jahren war der Terrororganisation auf dem Territorium des Königreiches kein größerer Anschlag mehr gelungen. Zuletzt waren im Dezember 2009 zwei als Frauen verkleidete saudische Terroristen, die mit einem Geländewagen vom Jemen aus über die Grenze gekommen waren, von Polizisten gestellt und erschossen worden.

Die Terroraktionen von al-Qaida in Saudi-Arabien in den Jahren 2003 bis 2006 richteten sich zunächst gegen westliche Bürger, dann gegen die eigenen Sicherheitskräfte und zuletzt auch gegen Ölanlagen. Im Mai 2003 starben durch drei Autobomben, gezündet von Selbstmordattentätern, 35 Ausländer, Hunderte wurden verletzt. Das Königreich reagierte mit intensiver Fahndung, eine Reihe von Mitgliedern aus der Führungsriege von al-Qaida wurde getötet oder verhaftet, zahlreiche geheime Unterkünfte von der Polizei entdeckt und ausgehoben. Trotzdem gelang "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" im November 2003 ein weiterer verheerender Anschlag mit 17 Toten. Weil diesmal jedoch alle Opfer Araber und Muslime waren, kühlte die anfänglich noch vorhandene – teils offene - Sympathie der Bevölkerung für die Gotteskrieger merklich ab.

Ein Jahr später folgte eine zweite Welle von Attentaten auf westliche Ausländer, die normalerweise in gut gesicherten Wohnvierteln leben. 2005 gelang es dann den saudischen Fahndern erstmals, die Oberhand zu gewinnen. Im April konnten sie ein Haus ausfindig machen, wo sich praktisch die gesamte noch verbliebene Al-Qaida-Führung aufhielt. Drei Tage dauerten die Feuergefechte, am Ende waren 14 Terrorkommandeure tot. Trotzdem kam es im Februar 2006 zu einem weiteren Großangriff. Der Versuch jedoch, mit zwei Autobomben die Ölraffinerie in Abqaiq in die Luft zu jagen, misslang. Seither blieb Saudi-Arabien von schweren Anschlägen verschont.

Unter dem starken Fahndungsdruck verlagerte al-Qaida seinen Schwerpunkt in den benachbarten Jemen, wo sie sich seit Anfang 2009 ebenfalls wieder unter dem Namen "Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel" neu formierte und organisierte. Weihnachten 2009 versuchte ein im Jemen angeworbener junger Nigerianer, einen amerikanischen Airbus beim Landeanflug auf Detroit zum Absturz zu bringen. In den Jemen abgesetzt haben sich offenbar auch etwa ein Dutzend ehemalige saudische Häftlinge aus Guantánamo, fünf weitere sind in ihrer Heimat untergetaucht.

Aus dem Tagesspiegel