Zum Schluss griff John Boehner, der republikanische Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, zu drastischen rhetorischen Mitteln. "Haben Sie dieses Gesetz überhaupt gelesen?", schrie er die demokratischen Abgeordneten an. "Zum Teufel Nein, das haben Sie nicht!" Eine Vielzahl von Gegnern drang zeitgleich in das Kongressgebäude und machte ihrem Unmut über Obamas wichtigstes innenpolitisches Vorhaben lauthals Luft. Auch rund um den Sitz des Parlaments in Washington versammelten sich zahlreiche Demonstranten. "Kill the bill" ("Tötet das Gesetz") skandierten sie.

Es half nichts. Während die Abgeordneten das formelle Verfahren zur Abstimmung aufnahmen, war es Präsident Obama im Verborgenen gelungen, Zweifler in den eigenen Reihen zu bekehren. So erklärte der Abgeordnete Bart Stupak, er habe sich mit Obama geeinigt, nachdem das Präsidialamt zusicherte, staatliche Gelder für Abtreibungen weiterhin nicht freizugeben.

Als die Anzeigetafel das Abstimmungsergebnis zeigte, skandierten die Demokraten rhythmisch Barack Obamas Wahlslogan: "Yes we can!". Denn nun ist der Weg für einen tiefgreifenden Umbau des 2,5 Billionen Dollar teuren US-Gesundheitssystems so gut wie frei. Zwar muss der Senat dem Gesetz noch zustimmen, doch dürfte dies nur noch eine Formalie sein, da den Demokraten hierfür eine einfache 50-Stimmen-Mehrheit reicht.

Durch das Gesetz sollen 32 Millionen weitere Amerikaner eine Krankenversicherung erhalten, die bisher keinen Schutz haben. Außerdem sollen eine allgemeine Versicherungspflicht eingeführt und bestimmte Praktiken der Versicherer verboten werden, etwa die Ablehnung von Kunden wegen bestehender Vorerkrankungen. Die Quote der Versicherten soll auf 95 Prozent steigen.

Barack Obama würdigte den Abstimmungserfolg erleichtert als "Sieg für das amerikanische Volk". Die Billigung im Abgeordnetenhaus habe "bewiesen, dass die Amerikaner in der Lage sind, große Dinge zu tun". Die nun beschlossene Reform sei nicht radikal, aber doch umfassend. Sie sei "ein weiterer Baustein im Fundament des amerikanischen Traums".

Der demokratische Mehrheitsführer im Abgeordnetenhaus, Steny Hoyer, deutete das Gesetz historisch: "Jeder Präsident des vergangenen Jahrhunderts sagte, dass dies für eine große Nation eine Notwendigkeit ist." Der Präsidenten-Geschichtsforscher Robert Dallek sieht das genauso: "Das wird als eine wirklich große Reforminitiative betrachtet werden."

Doch nicht alle Demokraten waren überzeugt – 34 Abgeordnete stimmten gegen das Gesetz. Auch, weil sie befürchteten, bei einem "Ja" zu der umstrittenen Reform bei den Kongresswahlen im November abgestraft zu werden. Die Republikaner kündigten bereits an, das Thema in das Zentrum des Wahlkampfes zu rücken. Sie waren geschlossen gegen das Vorhaben vorgegangen, da sie steigende Kosten und eine schlechtere Versorgung für diejenigen erwarten, die bereits versichert sind.

Die Republikaner sehen nun eine Chance. Der Abgeordnete Mike Pence brachte es schon vor der Abstimmung auf den Punkt. "Ich weiß nicht, ob wir an diesem dritten Sonntag im März einen Sieg erreichen werden oder am ersten Dienstag im November", sagte er mit Blick auf die Wahl. "Aber der Sieg kommt bestimmt." Der frühere republikanische Präsident des Abgeordnetenhauses, Newt Gingrich, prophezeite, Obama und seine Demokraten würden ihre Reforminitiative noch bereuen. Er nannte sie das "radikalste Sozialexperiment in modernen Zeiten". Dem Präsidenten sagte er voraus: "Sie werden ihre Partei so kaputt gemacht haben wie Lyndon Johnson sie mit der Bürgerrechtsgesetzgebung 40 Jahre lang zerstört hat."

Die Bevölkerung ist in der Debatte gespalten. Auch deswegen will der Präsident nun in den nächsten Tagen außerhalb von Washington den Menschen erklären, warum er glaubt, dass die Gesundheitsreform gut für sie ist. Dennoch halten viele Experten einen Aderlass bei den Wahlen im November praktisch schon jetzt für unausweichlich.