Ausgerechnet zwei Tage vor der entscheidenden Fernsehdebatte hat der britische Premier Gordon Brown seine letzten Wahlchancen verspielt. Ihm ist etwas passiert, das man das Desaster von Rochdale nennen muss. Seine Strategen hatten ihn im Wahlkampf rausgeschickt, um richtige Menschen zu treffen, wirkliche Labour-Wähler, solche, die an der Basis für seine Regierung und Partei werben.

Er traf also eine solche Dame, Gillian Duffy, 65 Jahre alt und er schien ein recht freundliches Gespräch mit ihr zu haben. Sie war eine mustergültige Parteianhängerin. Ihre Familie hatte seit 90 Jahren Labour gewählt, mehrere Wählergenerationen. Doch sie sprach auch Dinge an, die ihr nicht so gefielen, die Schulden der Studenten beispielsweise, die hohe Studiengebühren zahlen müssten, das anti-soziale Verhalten von Jugendlichen, das folgenlos bliebe, die Rekordverschuldung und schließlich die Einwanderung aus Osteuropa, die auch im nordenglischen Rochdale zu spüren sei.

Das Gespräch jedoch blieb herzlich und Brown verabschiedete sich nett. Doch kaum war er an seiner Limousine angelangt, schimpfte er: "Das war eine Katastrophe", war er zu hören als er in sein Auto stieg. "Wessen Idee war denn das? Das ist lächerlich." Auf die Frage, was die Frau denn gesagt habe, antwortete der Labour-Premier: "Alles, sie ist so was von einer bornierten Frau." Browns Problem: Das Mikrofon eines Fernsehsenders an seinem Hemd war noch an, alles wurde aufgezeichnet.

Als ihm dann live in Fernsehen und Rundfunk erstmals das Band aus Rochdale vorgespielt wurde, sank er förmlich in sich zusammen, es kam ihm die Erkenntnis, dass die Wahl für ihn gelaufen ist. Er hatte nicht nur eine Wählerin verloren, er hatte die ganze Wahl verloren. Wie er Donnerstagabend in der TV-Debatte – ein Novum im britischen Wahlkampf – bestehen soll, ist ein Rätsel.

An Rochdale enthüllten sich drastisch die Mängel von Premier Brown, aber auch die seiner Regierung: Die Dame ist eine Labour-Wahlerin, doch ihre Parteioberen verstehen sie nicht. Brown scheint entrückt von der Realität, beispielsweise beim Thema Einwanderung, eines der wichtigsten in der gesellschaftlichen Debatte Großbritanniens. Es sind gerade die Menschen, die in den Arbeitervierteln wohnen, die Labour-Wähler, die die harte Integrationsarbeit vor Ort leisten müssen. Dort, wo die Schulen überlaufen sind und viele Kinder kein richtiges Englisch mehr können, wo die sozialen Dienste überstrapaziert werden und nicht mehr den wirklichen Bedürfnissen nachkommen können. 

Das sind zwar alles seit vielen Jahren bekannte Probleme, doch Brown scheint die Fragen danach nur als borniertes, verständnisloses, möglicherweise gar quasi-rassistisches Verhalten zu deuten. Das zentrale Manko des Politikers Brown ist: Er versteht die Probleme seiner Wähler nicht und das macht ihn ungeeignet für den Job. Das Gespräch ist eigentlich gut gelaufen, aber zu einer realistischen Einschätzung war er nicht imstande.

Mehr noch: Sein ganzes Verhalten gegenüber der Labour-Dame von Rochdale war freundlich, immer lächelnd. Doch als er seine Gesprächspartnerin danach bezichtigte, borniert zu sein zu sein, entlarvte er sich selbst als Heuchler. Die Folge des Desasters von Rochdale ist, dass die Chancen der Konservativen auf eine kleine absolute Mehrheit wieder da sind. Bedanken kann sich Labour dafür bei seinem Premier.

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